Fürs Auge

Chapeau, Madame, und Bon anniversaire

Wenn jemand moderne Frauen hemmungslos und amüsant karikieren kann, dann ist sie es: Claire Bretécher wird 70 Jahre alt, und ihr neuester Cartoon-Band ist frisch in Deutsch erschienen.

Es war lange ruhig geworden um die Grande Dame unter den Comic-Zeichnern.  Zu lange. Ihre unangepassten wie eigenwilligen Cartoons der weiblichen Selbstironie wurden vermisst. Nun ist sie wieder da: mit einer weiteren Folge von "Agrippina", der schonungslosen Serie über eine junge Frau, die tapfer versucht, sich möglichst selbstbewusst durch die Tücken des Alltags zu schlagen - um dabei dann doch in die eine oder andere Klischeefalle zu stolpern.

 

Claire Bretécher hatte sich schon früh in einer männerdominierten Comic-Szene etablieren können. Wir lernten ihre "Frustrierten" Ende der 70er Jahre kennen, die "Mütter" folgten 1983 und viele andere mehr, bevor sie 1988 "Agrippina" schuf, die ab 2001 als Zeichentrickfigur sogar im französischen Fernsehen zu sehen war.

 

Ihr neuestes Werk "Allergien", gerade erschienen bei REPRODUKT, ist wieder großartig gelungen. Eine Warnung an die Umwelt sei hier ausgespochen: Das Anschauen dieser Cartoons macht süchtig. Claire Bretécher zeichnet ihre Welt und die Frauen darin so abgeklärt-nüchtern und mit einer Treffsicherheit - man kann nicht anders, als sich wieder erkennen, und lauthals lachen. Auch weil sie den Slang der Jugend passgenau im Repertoire hat. "Wozu brauchst du Unterstützung? Du bist doch selbst ehrenamtlich in 'ner Trostbrigade", heißt es da beispielsweise an einer Stelle, oder an anderer, nach einem Friseurbesuch: "Ich warne euch: Die erste die lacht, kriegt von mir eine übergebraten."

 

 

Es heißt von ihr, sie "galt als Bardot der Szene, und genauso wurde sie verehrt". Wer Fotos von ihr kennt, mag das sofort glauben. Und die fast schon schnoddrige Art und Weise, wie Claire Bretécher lässig in einem TV-Interview vom Leder zieht, lässt erkennen, woher die Comic-Figuren Bretéchers die für sie so typische Nonchalance hernehmen. "Warum sollte ich mir etwas verkneifen, worauf ich Lust habe?", sagt sie dort unverblümt in die Kamera. Hier sitzt/ist eine Frau, die sich nichts verwehren muss und will. Wozu auch?

 

 

 

 

 

Sie sind emanzipiert. Kein Frage. Claire Bretécher lässt ihre Frauenfiguren mit einer Selbstsicherheit Dinge aussprechen, für die wir uns viel zu oft auf die Zunge beißen. Und deshalb macht es auch solchen Spaß, ihnen zuzugucken, wie sie wissentlich in manches Verderben rennen.