Anderswo

Charlotte Roche mal ganz anders

Die „Feuchtgebiete“ als PR-Trick oder Selbsttherapie?

Die einen verdrehen genervt die Augen, wenn der Name Charlotte Roche fällt. Andere feiern sie als eine, die sich endlich traut, „die Dinge“ beim Namen zu nennen. Öffentlichkeit wie Medien, Buchkäufer wie Literaturkritiker zerfallen in zwei Lager – da gibt’s nicht viel dazwischen. Die 30jährige lässt kaum jemanden gleichgültig.

 

So ambivalent wie ihre Leser, so widersprüchlich ist sie selbst und das, was wir von ihr und ihrem Buch halten. Am hartnäckigsten haftet an ihr seit den „Feuchtgebieten“ der Ruf, das Buch sei ein geschickt eingefädelter Marketing-Coup. Weil Sex sich immer gut verkauft – und das noch dazu ganz besonders, wenn er möglichst schmuddelig daher kommt und gleichzeitig mit einer Unschuldsmiene in braver hochgeschlossener Kleidung und artig gekämmter Ponyfrisur präsentiert wird, was der offensiven Provokation etwas Kindlich-Naives beimischt. Charlotte Roche hat einen cleveren Kopf. Das ist unbestritten. Und natürlich macht es gerade deshalb misstrauisch, dass sie sich jetzt als „ Klassensprecherin der enttabuisierten, unbeschönigten Sexualität“ gibt.

 

Doch erinnern wir uns: Nervig, schamlos, provozierend – das sind die Attribute, die Charlotte Roche schon länger zugeschrieben werden, und das nicht erst seit ihrem Buch. Als krass, schrill, schräg galt sie schon vor über sieben Jahren als Viva2-Moderatorin mit rotzig-respektlosen Interviews. Und den Hang zu provokanten Sexthemen hat sie auch nicht neu entdeckt. Mit einer Lesung zum Thema „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ tingelte sie bereits 2005 gemeinsam mit Christoph Maria Herbst durch die Lande.

 

Jetzt, nachdem der Hype um ihre Feuchtgebiete etwas verklungen ist, zeigt sich eine neue, subtilere Charlotte. Und sie erzählt, wie sie wirklich ist. Im Interview mit dem „Süddeutschen Zeitung Magazin“ offenbart sie eine neue Seite und sagt von sich, sie sei verklemmt, angepasst und im Grunde sehr unfrei.

 

Ich bin ja eigentlich ein ganz armes Würstchen, das immer dem Applaus hinterherrennt.“

 

Ich mache mir den ganzen Tag nur Sorgen, wie ein peinliches Hausmütterchen.“

 

Ich bin .. sehr verklemmt. Und wenn man so ist, hat man einen starken Drang, das loszuwerden .“

 

Wer das Interview gründlich liest, bekommt Zweifel an der Sichtweise, die „Feuchtgebiete“ seien nur eine nach perfidem Plan ausgetüftelte Schockaktion, um sich mit Negativschlagzeilen in die Bestsellerlisten zu bringen. Es scheint, als habe sie ihren Erfolg damit nicht einkalkuliert. Also steht hier die echte Roche, die preisgibt, wie sie wirklich tickt?


Nun, immerhin gesteht sie offen ein:

 

Ich kann extrem gut spüren, was jemand will. ... Ich befriedige alle, komme nach Hause und implodiere.

 

Dass dieses Eingeständnis die Leute wieder misstrauisch werden lässt, nimmt sie billigend in Kauf. Sie verbiegt sich nicht. Oder, vielleicht tut sie genau das in Perfektion. Die Frage war: Ist sie so oder tut sie nur so? Tja, sie verrät es uns nicht wirklich.

 

Hier das Interview in Gesamtlänge.