Weibchenschema

Charlotte Roches Schoßgebete

Für Alice Schwarzer ist das Buch bereits wieder Grund genug, loszuschlagen. Ein "Oma-Beziehungsmodell" würde sie hier propagieren, wirft Schwarzer Roche vor. Andere schreiben, sie bediene mit expliziten Sexszenen vorrangig Voyeure. Was steht da nun wirklich drin?

Der zweite Roman von Charlotte Roche, die als Jungtalent aus englischer Familie vor drei Jahren mit "Feuchtgebiete" den Superseller des Jahres schrieb, erfüllt alle Erwartungen. An Sexiness. An Porno-Assoziationen. An die Zerrissenheit der "Heldin" zwischen kindlicher Fehlprägung, aktuellem Trauma und neurotischen Ängsten.

 

Gekonnte Mischung


Die "Feuchtgebiete" verkauften sich über zwei Millionen mal. "Schoßgebete" erschien im August 2011 mit einer Erstauflage von unglaublichen 500.000. Kein Wunder, dass alle Medien nach Roche-Vorstellungen schrien. Schon die Ankündigung, demnächst erscheine ihrer zweiter Roman, rief deshalb von "Spiegel" über lokale Tageszeitungen bis "Zeit" alle wichtigen Interviewer auf den Plan. Und sie waren freundlich, obwohl "Schoßgebete" ähnlich wie "Feuchtgebiete" in erster Linie eine Mischung aus drastischen Sexschilderungen (pure Pornographie werden "Gschamige" sagen) und persönlichen Roche-Ängsten ist. Allerdings eine gekonnte.

Im Mittelpunkt steht die 33jährige Elisabeth Kiel, seit 7 Jahren mit dem liebenswerten, zugewandten, verständnisvollen, virilen Georg zusammen, mit dem sie Pornofilme schaut und nachspielt, ab und an sogar ins Bordell geht, um mit einer Edelhure Sex zu dritt zu genießen.

 

Sex kontra Anstrengung


Glücklich ist Elisabeth nur bei dieser einen Beschäftigung, beim Sex. Verlässt sie das Bett, will sie in erster Linie perfekt sein, egal, wie viel Anstrengung sie das kostet: die perfekte Mutter für ihre Tochter und Stiefmutter für den Sohn Georgs (beide aus früheren Beziehungen), die perfekte Frau für Georg selbst, die perfekte Bioköchin, Veganerin, Müllvermeiderin. Und die perfekte Patientin für ihre Therapeutin. Nur die perfekte Tochter ihrer Hippie-Mutter will sie nicht mehr sein, denn die ist an allem schuld, was in Elisabeths Leben schief geht. Besonders (fühlt die Ich-Erzählerin) an dem grauenvollen Autounfall, bei dem Mutter am Steuer saß und drei ihrer Brüder verbrannten. Einen Tag vor ihrer Hochzeit.

Bei Georg sucht Elisabeth Beständigkeit. Puffbesuche und ihre eigene Sehnsucht nach einem Seitensprung sollen in erster Linie dazu betragen, dass beide weiterhin gierig auf Sex mit dem heimischen Partner sind, denn ohne guten Sex - davon ist Elisabeth überzeugt - überlebt keine Partnerschaft auf Dauer. Deshalb muss sie auch als Bettpartnerin perfekt sein. Aber das geht nur mit Georgs Zustimmung.

 

Wie viel Charlotte Roche steckt in Elisabeth?

Elisabeth ist eine schwierige Person. Genau wie ihre Autorin Charlotte Roche, die selbst eine sehr feministische Mutter hat, selbst drei Brüder durch einen Autounfall verlor. Sie schrieb mit "Stoßgebete" trotzdem keinen autobiographischen Roman. Sagt sie. Sie verdichtete nur viele ihrer Erfahrungen zu einer neuen, literarischen. Ist das also Literatur, was Roche in Roman Nr. 2 bietet? Sicher, manchmal sogar fesselnde, auch wenn mir die Wehleidigkeit ihrer Elisabeth, ihre Unfähigkeit Schlussstriche unter Kindheitsneurosen zu ziehen, ihre zwanghaften Wechsel zwischen Todessehnsucht und Sexgenuss schnell auf die Nerven gingen.

Ist das Ganze "gute" Literatur?

Ich denke - ja. Die Heldin interessiert. Die Schilderungen ihrer Sexakte sind drastisch offen, aber nicht schmutzig-pornographisch (zumindest aus meiner Sicht nicht, da beide Partner immer Rücksicht auf den anderen nehmen, weder Schmerz zufügen noch erniedrigen wollen). Die Sexszenen wurden also nicht geschrieben, um Aufsehen zu erregen. Stattdessen machen sie Elisabeths Psyche verständlich. Sicher, das Buch liefert auch Anregungen für ausgefallenere Sexpraktiken, aber außerdem macht es nachdenklich, weckt Mitleid mit Heldin und Autorin.

 

Etwas weniger Hysterie täte gut

Alles in allem finde ich "Schoßgebete" trotz Sex, Kindheitsneurosen und  Unfalltrauma allerdings ein bisschen langweilig. Weil Elisabeth immer wieder und immer weiter in ihren Ängsten wühlt. Selbst bei ihrer oft zitierten Therapeutin sucht sie nicht nach Auswegen, sondern nur nach Bestätigung ihrer schwierigen Situation. Sie bleibt von der ersten bis zur letzten Seite unverändert. Erst dort genehmigt ihr Georg den ersehnten Sex mit einem anderen Mann. Vielleicht wird Elisabeth dann "erwachsen"? Und Charlotte Roches nächster Roman etwas weniger hysterisch und damit glaubwürdiger?

Gute Aussichten, denn schreiben kann Charlotte Roche. Und wenn sie sich als Autorin so weiterentwickelt wie von "Feuchtgebiete" zu "Schoßgebete" wird niemand mehr ihre Romane der  "pornographischen" Stellen wegen kaufen, sondern weil sie einfach gut sind. Demnächst ...