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Christa Wolf: Stadt der Engel

...oder The Overcoat of Dr. Freud.

 „Die Landschaft der Erinnerung ist ausgebreitet...der Gedankenstrahl tastet sie ab.“


Mit diesen Worten begibt sich die Schriftstellerin Christa Wolf auf einen langen, mühevollen, manchmal deprimierenden, aber auch ehrlichen Weg, um einer „Spur der Schmerzen“ nachzugehen – auch wenn sie darauf besteht, dass die Ich-Erzählerin in ihrem Erinnerungsbuch „nicht identisch mit der Autorin“ ist.

Die Ich-Erzählerin, deren Namen man nicht erfährt, nutzt einen neunmonatigen Studienaufenthalt in L.A., der „Stadt der Engel“, um mit sich ins Reine zu kommen bzw. ins Gericht zu gehen. Es ist das Jahr 1992/93, und eigentlich ist die Erzählerin als Stipendiatin des Getty-Center for the History of Arts aufgebrochen, um das Schicksal einer deutsch-jüdischen Emigrantin zu erforschen, von der nur einige Briefe in ihrem Besitz sind. 

 

"Wozu bist du eigentlich hier?" - Erinnerungen

Mehr und mehr aber besinnt sich die Figur hier nun zurück – besonders und sehr konkret auch auf bedeutende Vorfälle und Ereignisse, mit denen auch Christa Wolf in der „alten noch ungewendeten Zeit“ der DDR konfrontiert wurde. Das sind z.B. die Jahre 1965 (Kulturplenum der SED), 1968 (Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag), 1976 (Ausbürgerung von Wolf Biermann) oder 1989 - die Zeit der friedlichen Revolution und des Mauerfalls. 
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Das ist hochinteressant zu lesen, nicht nur für Zeitzeugen, die sehr bewusst die Widersprüche und Auseinandersetzungen in diesen Jahrzehnten erlebt haben. Alles wird aus einem sehr subjektiven Blickwinkel dargestellt, und die Erinnerungen – etwa an politische Angriffe auf die Ich-Erzählerin, an persönliche Krisen, oft auch Verletzungen vor 1989 und danach – münden in Fragen wie: „Wozu bist du eigentlich hier? Um Abstand zu gewinnen? Zu vergessen? Was willst du hier machen?“ 

Leitmotivisch geht es dabei auch um einen blinden Fleck, der in Gesprächen der Figur mit vertrauten Freunden immer wieder eine bestimmende Rolle spielt. Sie fragt sich – und die anderen: „Habt ihr schon einmal ganz wichtige Ereignisse in eurem Leben vollkommen vergessen?“ Oder anders: „Wie konnte ich d a s vergessen?“

 

"Täterakte" Christa Wolf

 

Worauf sich „d a s“ bezieht, ist bekannt. 1992 wurde die sogenannte  „Täterakte“ Christa Wolfs gefunden, bestehend aus wenigen Berichten für die DDR-Staatssicherheit in der Zeit von 1959 bis 1962, in der die Schriftstellerin als IM eingeordnet wurde. „Die Meldung darüber lief nicht nur innerhalb Deutschlands, auch in den USA und in fast allen europäischen Ländern durch die Nachrichten und durch die Zeitungen“, so rekonstruiert die Erzählerin, die sich nun „besudelt“ fühlt. Aber:  

„Schlechtes Gewissen? Das traf es nicht. (...) Ich fand, ich hätte Grund nachzudenken. (...) Ich will herausfinden, wie ich damals war. Warum ich mit denen überhaupt geredet habe. Warum ich sie nicht sofort weggeschickt habe. Was ich wenig später getan hätte. (...) Nur zwei, drei Jahre später hätte ich die nicht mehr zur Tür hereingelassen. Anderen habe ich das dann mit Erfolg geraten.“


„Wir mußten lernen, ohne Alternative zu leben“


Die Erzählerin begreift diese Auseinandersetzung und das sich entwickelnde Geschehen darum als eine existenzielle Krise, die sie zwingt, sich Widersprüchen in der eigenen Vergangenheit zu stellen. Wobei es vor allem auch um eine Gesellschaftsutopie für „das kleine Land“, Deutsche Demokratische Republik (in des Wortes ureigenster Bedeutung) geht. 


„Wir mußten lernen, ohne Alternative zu leben“, resümiert die Figur, von der andere nun auch erfahren möchten: „What about Germany?“ Es sind vor allem jüdische Bekannte, Mitstipendiaten aus Italien, den USA, Frankreich, der Schweiz, Großbritannien und eine „Gang“ jüngerer Leute, mit der die Figur viel unternimmt, die mit zwiespältigen Gefühlen auf das neue große Deutschland blicken. Und die Wendezeit.  

„Ein historisches Ereignis, das, ich zögerte das zuzugeben, von den Demonstranten nicht erwartet und beabsichtigt war (…) Ob das Wort Revolution 1989 unter euch je gefallen ist, weiß ich nicht mehr, bezweifle es aber. (…) Wende? Was wendete sich denn? Und wohin? Was ihr erlebtet, war ein Volksaufstand, der sich die Form friedlicher Demonstrationen gab und das Unterste nach oben schleuderte“, resümiert die Figur selbst. 

 

Eine Bildungsreise

 

In der Erinnerung der Ich-Erzählerin leben dabei Persönlichkeiten aus Literatur und Politik wieder auf, die mit dem Verlust von Illusionen verbunden werden, etwa Louis Fürnberg, Willi Bredel, KUBA, Werner Bräunig, Walter Janka, Paul Merker, Lew Kopylew. Aber auch die besondere Nähe zu den Emigranten im „New Weimar unter Palmen“ wird deutlich: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Leonhard Frank, Lion Feuchtwanger kommen hier wie selbstverständlich zu Wort. Und aus einer anderen Zeit sogar auch Goethe, Hölderlin oder Kleist.

Eine Bildungsreise ist es so auch, auf die man sich hier begibt. Von einer Parkbank im Ocean Park aus lernt man Menschen (besonders homeless people), Landschaft und Sonnenuntergänge kennen, dann wieder hilft ein Potpourri alter Volks-, Kampf- und Kirchenlieder der Ich-Erzählerin dabei, die eigene schwere Krise zu überwinden.

Dabei beschreibt die Autorin auch das Scheitern der eigenen Träume: „Einige Wochen konnte es uns vorkommen, als neigte (...) die Geschichte sich uns zu (...), der Vorschein einer Zukunft, die viele ersehnten und die noch keiner gesehen hatte. (...) 'Für unser Land' nanntet ihr einen dieser Appelle, der schon veraltet war, als er erschien. Aber ich weiß seitdem... Wir waren alle in einem seelischen Ausnahmezustand. (...) Es war das Unvorstellbare, das sich in Wirklichkeit verwandeln wollte. Und das, ihr ahnt es, nur eine historische Sekunde andauern sollte. Aber es hat sie gegeben. “

 

Verwobene Fäden


Diese Auszüge sind auch ein Beispiel, wie die Autorin die Gegenwartsebene und die Erinnerungsebene miteinander verschränkt – in manchmal kunstvoll verschachtelten Sätzen, die einen hohen Anspruch an den Leser stellen. Christa Wolf äußerte sich dazu sehr bestimmt, auch erklärend: „Mein Wunschbild für den Text ist ein Gewebe, wo Fäden ineinander wirken und übereinander liegen (...) und dann entsteht ein Muster“ Oder auch das Bild von Dr. Freuds Overcoat: jenem Mantel, der wärmt, aber auch schützt. Und den die Autorin von innen nach außen wenden möchte: „Damit das Innere sichtbar wird.“

Man muss mit Christa Wolf, dieser Jahrhundertzeugin, und ihren Ein- und Ansichten, nicht übereinstimmen, um sich herausgefordert zu fühlen, von einem Buch, das uns bestärkt, Vergangenes nicht zu verdrängen, sondern immer wieder neu zu reflektieren. 

 

 

„Erzählen – ein Prozess der Wahrheitsfindung“, das ist das Motto der 
Uwe-Johnson-Tage 2010, die am Montag in Neubrandenburg begannen. Ein 
Höhepunkt in diesen Tagen wird eine Lesung von Christa Wolf aus ihrem 
neuen Buch sein, und damit verbunden wird die Verleihung des 
Uwe-Johnson-Preises 2010 an die Schriftstellerin. Herzlichen Glückwunsch!