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Coco Chanel: Der schwarze Engel

Der amerikanische Journalist Hal Vaughan enthüllt in seinem Buch, dass Coco Chanel als Agentin für die Nazis arbeitete.

Coco Chanel war der Star der internationalen Mode. Über Jahrzehnte hinweg. Vor dem Zweiten Weltkrieg, während des Krieges und danach. Sie - so wird sie überall gelobt - befreite die Frauen vom Korsett, schenkte ihnen kurze Jerseykleider, den Pullover und schließlich das Chanel-Kostüm. Sie nahm sich die Männer, die ihr gefielen und kümmerte sich nicht um neidische Blicke. Sie war das große Vorbild für Millionen von Frauen.

War sie wirklich ein Vorbild?

Der amerikanische Journalist Hal Vaughan, lange Jahre Mitarbeiter des US-Geheimdienstes und heute noch Mitglied in der exklusiven "Association of Former Intelligence Officers"  kann sich nicht so recht entscheiden: In seinem spannend und sehr lesbar geschriebenen Buch über den "schwarzen Engel" Chanel präsentiert er einerseits neue und glaubwürdige Belege dafür, dass die brillante Modeschöpferin auch eine willige Spionin der Nazis war, viele Jahre lang mit einem hochrangigen Offizier der deutschen "Abwehr" liiert, erfüllt von einem bösartigen Judenhass. Andererseits findet er ständig Entschuldigungen für die faszinierende, schillernde, superkreative Trendsetterin - von echter Liebe zu ihrem Geheimdienstagenten Baron Hans Günther von Dincklage über den Einfluss englischer Nazifreunde wie (vor dem Krieg) Winston Churchill und dem Herzog von Windsor (er besuchte Hitler auf dem Obersalzberg) bis zu ihrer Angst um einen Neffen, den die Berliner Abwehr für sie aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager holte.

Coco Chanel als Helferin der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich? Hal Vaughan holt seine Beweise aus Archiven, die gerade erst freigegeben wurden. Er weiß also weit mehr als jene Ankläger, die sich schon direkt nach dem zweiten Weltkrieg mit Chanels "Verstrickungen" (so Hal Vaughan) beschäftigten, aber an ihren Unschuldsbeteuerungen und hilfreichen Zeugenaussagen der Sieger zu ihren Gunsten scheiterte. Ist das heute noch wichtig?

 

Verdunkelter Glanz

Ja. Zwar mindert so "Ein Leben als Nazi-Agentin" (so der Untertitel des Buches) nicht Chanels verdienten Ruhm als kreativste Modemacherin des 20. Jahrhunderts, aber ihr unbekümmertes Luxusleben während ganz Frankreich hungerte, die Juden auf den Straßen von Paris zusammengetrieben, in Viehwagons gepfercht und in den Konzentrationslagern im Osten Deutschlands ermordet wurden, ihre aufwendigen Champagnerfeste für die angesagten (also nazifreundlichen) Maler, Tänzer, Musiker jener Zeit,  ihre Liebesaffäre mit von Dincklage - all das verdunkelt ihren Glanz doch erheblich.

Oder muss man das trennen? Den verdienten Moderuhm und die schäbige Schattenseite ihres Lebens? Ihre Vorbildfunktion als emanzipierte Frau und ihren ungebremsten Hass auf Juden, selbst wenn sie mit ihnen (gute!) Geschäfte machte? Ihre überwältigende Großzügigkeit gegenüber Freunden und die Blindheit gegenüber allem, was das Luxusleben zwischen Cote d´Azur, Venedig und Paris hätte stören können? Ihr überwältigender Charme und ihre Drogensucht?

 

Interessanter Lesestoff, der die Fakten herunterspielt

Coco Chanel erfand "das kleinen Schwarze" und den Modeschmuck, sie lancierte Chanel No. 5, das heute noch bekannteste Parfüm der Welt, und da sie sich aus der Armut ihrer Jugend ganz allein hoch arbeitete, bis sie zu den Spitzen der französischen Gesellschaft gehörte, könnten wir sie wirklich als Vorbild betrachten. Und uns über unseren Zorn auf sie mit der Altweisheit hinwegtrösten, dass Menschen nun mal keine Engel sind oder allenfalls "schwarze".

Reicht das als Argument, um dieses Buch zu empfehlen? Auf jeden Fall ist es aufregend-interessanter Lesestoff für alle, die mehr über Chanel, über die Entwicklung der modernen Mode, die Künstler und Kreativen des 20. Jahrhunderts wissen wollen. Autor Hal Vaughan versucht die bösen Seiten der neu entdeckten Fakten durch die Betonung von Cocos Chanels Glamour herunterzuspielen. Auf mich wirkt das oft peinlich, aber aus der Sicht einer Nachgeborenen, in Frieden und Freiheit Lebenden, ist urteilen ja auch leicht. Oder?