Männerecke

Comme ci, comme ça

"Ich will in die Normandie! Stattdessen renn ich hier durch den Wald!"

Ich hab schon früh geahnt, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und einmal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt.
Ich hätte es also wissen müssen.

"Ich will in die Normandie! Stattdessen renn ich hier durch den Wald! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald!"
Die Gräfin ist geladen.
Wir wollten ein paar Tage wegfahren, müssen das aber verschieben, weil ich arbeiten muss.

"Fahren wir eben im November", sag ich. "Sind doch nur noch vier Wochen."
"Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten. Blödmann!"

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen.
Ist ja ein toller Samstagvormittag.
Wir biegen ein in die Kleingartensiedlung.
Mannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie versprengte gelbe Richtmikrofone, Vorsicht! Live-Aufzeichnung!

Wie Stöcke unter ihren Füßen zersplittern, Vögel verirren sich in der Luft.
Auf dem Boden fallen mir zwei Haargummis auf, die sehen aus wie heiße Tintenfischringe.
Bloß nicht drauf treten!
Und die Schrebergartenkinder spielen lauthals Dschihad.
"In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben.."

Als wir im Bärenloch ankommen, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, hat sich die Lage beruhigt.
Frau Moll springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das Stichlinge fischt.

"Ich hab schon sechzig Stück!"
"Kaulquappen?" sag ich.
"Nee, Stichlinge..!“
Ich guck in den Eimer.
"Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind kleine Schürzen. Glitschige, kleine Küchenschürzen."
Mir hört niemand zu.

"Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?" tanzt das Mädchen am Ufer.
Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.
"Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge."

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.
"Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh!"
"Kannst du schwimmen?" fragt die Gräfin.
"Klar, aber nicht hier drin. Ich hab Schiss vor den Karpfen. Das sind richtig fette Teile hier drin."
Sie rollt die Ärmel hoch.
"Hier, fühl mal meine Mukkis!"

Die beiden haben sich innerhalb von fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich.
Frau Moll paddelt eifrig hinterher.
"Komisches Gefühl unterm Fuß" ruft mir die Gräfin zu. "Als würde man über Leichen latschen!"

Als wir spät am Nachmittag zurück sind und bei uns im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Flugzeug, das wie ein silbriger Walfischbauch am Himmel glänzt, und dann diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er sein Portmonee werfen kann.
"Mit 500 Euro drin!" wie er viermal betont.
Die Börse verschwindet im dichten Geäst des Kastanienbaums.

Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmonee wieder runter zu kriegen.
Hochklettern geht nicht, der Stamm hat unten keine Äste, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in die Baumkrone, in der Hoffnung, dass die Börse getroffen wird und sich löst und runterfällt, aber er stellt sich dermaßen untalentiert an, dass selbst uns als langmütige Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird.

Auch seine Geliebte stöhnt nur noch "Du Blödmann!", und so endet der Tag, wie er begonnen hat.
So ungefähr.

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und sein Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin, und den Hund "Frau Moll".