CD des Monats

Cyndi Lauper

Memphis Blues

Im Oktober kürt unser Magazin Cyndi Laupers neues Album „Memphis Blues“ zur CD des Monats, obwohl sich die Verfasserin dieser Zeilen mit der Platte zuerst nicht anfreunden konnte: denn anders als z.B. Blondie-Sängerin Debbie Harry, die auch als Jazzchanteuse eine überzeugende Figur abgibt*, wirkt Cyndi Lauper als Interpretin von Blues-Klassikern wie „Early in the Morning“ ein wenig deplaziert.

 

Laupers Stimme klingt vor der kräftig stampfenden Rhythmusgruppe dünn und kieksig, und die zuweilen gehörig jaulenden Gitarren spielen sie regelrecht in Grund und Boden. Aber (großes Aber): Es ist genau dieser Mut zum Nicht-Perfektsein, der „Memphis Blues“ so charmant macht.

 

Cyndi Lauper, die in den 1980'er Jahren mit „Girls Just Wanna Have Fun“, „Time After Time“, „True Colors“ oder „She Bop“ Welthits landete und sich ihr paradiesvogelhaftes Antistar-Image bis heute bewahren konnte, will überhaupt nicht mit Bluessängerinnen vom Schlage einer Ruth Brown oder Etta James konkurrieren. „Das ist die Platte, die ich seit Jahren machen wollte“, sagt Lauper, die den alten, altmodischen Blues aus den Sümpfen des Mississippi-Deltas schon immer liebte und sich nun, als Endfünfzigerin, endlich traut, den Blues auch zu singen.

 

Für Überraschungen war die Amerikanerin schon immer gut, vor zwei Jahren veröffentlichte sie das Club-Album „Bring Ya to the Brink“, auf dem sie mit Electro-Acts wie Basement Jaxx kooperierte. Neben ihrer musikalischen Arbeit reüssierte Lauper als Schauspielerin und Aktivistin, gründete beispielsweise den True Colors Fund, mit dem sie auf die Probleme der GLBT-Bevölkerung (Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender) aufmerksam machen will. 

 

Zur Verwirklichung ihres langgehegten Traums vom Blues lud sie verdiente Sessionmusiker vom Label Stax ins berühmte Electraphonic-Studio in Memphis ein, unter anderen Lester Snell, Skip Pitts und Leroy Hodges. Daneben konnte sie legendäre Blues-Größen wie B.B. King, Allen Touissant und „I Can`t Stand The Rain“-Sängerin Ann Peebles um sich scharen, die mit ihr die Songs von Memphis Slim, Muddy Waters oder Lowell Fulsom neu einspielten.

 

Erdige Stücke mit Countryeinschlag wie „Shattered Dreams“, „I´m Just Your Fool“ und „How Blue Can You Get“ treffen auf übermütige Rock'n'Roll-Kracher wie „Don´t Cry No More“ oder „Rollin and Tumblin“, mit „Down So Low“ und „Romance in the Dark“ befinden sich auch zwei langsamere, gefühlvolle Blues-Balladen auf „Memphis Blues“.

 

Die Musiker lassen ihrer Spielfreude freien Lauf: vor der stilistischen Strenge steht der Spaß an der Musik, Tradition geht vor Innovation. Und, wohlgemerkt, hier sind ja nicht irgendwelche namenlosen Instrumentalisten am Werk, sondern, wir wiederholen es gern, Leute wie B.B. King und Charlie Musselwhite. Cyndi Lauper wirkt inmitten dieser hochkarätigen Mann- und Frauschaft manchmal wie eine Saloonlady, die nach zwei oder drei Whisky auf die Theke springt und in die Spülbürste schmettert – und doch nimmt man ihr ab, dass sie den Blues hat und fühlt.

 

Wo steht geschrieben, dass Blues-Interpreten und vor allem -Interpretinnen über eine dunkle Stimme mit sorgenvoll schleppender Intonation verfügen müssen? Cyndi Lauper wischt derartige Bedenkenträgerei, die bei Licht betrachtet ziemlich engstirnig ist, mit dem einzigen neuen Song der Platte, „Wild Women Don´t Get the Blues“ lächelnd vom Tisch. Und spätestens mit diesem Lied, das am Schluss von „Memphis Blues“ zu hören ist, wird klar, dass Cyndi Lauper mit diesem Album mal wieder ein Zeichen gesetzt hat: nämlich dafür, das zu tun, was man wirklich will. Auch wenn man es vielleicht nicht „richtig“ kann. 



* Ende September erschien das neue Album der New Yorker Formation Jazz Passengers, auf dem Debbie Harry erneut als Gastsängerin zu hören ist.