Starke Frauen

Dänen sagen selten nein.

Sie sagen „Hmmm... Hvorfor? – Warum?“. Ein Gespräch mit Sonja Kehler, einer der erfolgreichsten Sängerinnen der DDR …

Von: Peter Deeg

vom 17.03.08


Frau Kehler, Sie haben gerade Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Das heißt, Sie sind 1933 geboren und haben die Zeit des Nationalsozialismus als Kind erlebt.

Ja, aber ich war ein Mädchen, das war von Vorteil, denn so musste ich nur stricken: Für die armen frierenden Soldaten an der Front strickten wir Pulswärmer und solche Sachen. Socken waren zu schwer, denn als der Krieg begann, war ich ja erst sechs. Außerdem erinnere ich mich an viele Versammlungen, wo man anzutreten hatte und manchmal stundenlang stehen musste. Am meisten hat mich aber wohl geprägt, dass ich am Ende des Krieges eine Zeitlang von meinen Eltern getrennt war. Das war diese Zwangsevakuierung der Kinder, als die wirklich harten Bombardements der Städte anfingen. So musste ich früh lernen, mich alleine zurechtzufinden.

Wie haben Sie Ihre Teenagerjahre in der Nachkriegszeit in Erinnerung?

Es hat mir mit 13 oder 14 Jahren nichts ausgemacht, mit hohen Absätzen, die ich von meiner Großmutter geliehen hatte, ganz alleine eine Stunde lang quer durch die Trümmer zu laufen, weil ich unbedingt einen bestimmten Film sehen wollte, der erst ab 16 freigegeben war. Also pumpte mir meine Großmutter diese Schuhe, und meine Mutter hat mir noch geholfen, mich ein bisschen zu schminken, damit ich aussehe wie 16 und in den Film komme. Dann stiefelte ich ganz alleine los, eine Stunde hin und eine Stunde zurück, das machte mir nichts aus. Deshalb trage ich auch heute noch immer hohe Absätze, wenn ich auf der Bühne stehe. Damit fühle ich mich sicher.

Sie gelten als eine der erfolgreichsten Brecht-Interpretinnen und Prototyp der „singenden Schauspielerin“. Dabei wollten Sie ursprünglich weder Schauspielerin noch Sängerin werden…

Das stimmt. Ich habe in Leipzig angefangen, Romanistik zu studieren, und mein Traum war, Theaterkritikerin zu werden Aber mein damaliger Freund bereitete mit seiner Studentenbühne ein Stück vor, da gab es eigentlich sehr gute Rollen, mit einer Ausnahme: eine Kammerzofe oder Magd, die hatte nur zwei oder drei Sätze zu sprechen, war aber fast die ganze Zeit über auf der Bühne. Alle Schauspielerinnen der Studentenbühne weigerten sich, diese Rolle zu nehmen, weil sie so wenig Text hatte. Da sagte mein Freund: „Mach doch mit! Du musst nur auf der Bühne stehen und hast drei Sätze zu sprechen.“ Ich sagte erst nein, aber dann ließ ich mich überreden. Das Stück haben wir vielleicht drei- oder viermal gespielt, und plötzlich bekam ich eine Anfrage von der Theaterhochschule, ob ich mich nicht bewerben wollte, weil ich ihnen „als Typ“ gefallen hätte, so etwas suchten sie.

Nach dem Studium hatten Sie ziemlich schnell Erfolg als Schauspielerin …

Zuerst war ich am Theater Neustrelitz, da bin ich nach kurzer Zeit weggelaufen, obwohl ich eigentlich hervorragende Rollen bekam: gleich im ersten Jahr die Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ und kurz danach die Luise in „Kabale und Liebe“. Dann wurde ich nach Brandenburg geholt, um die Shen Te in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ zu übernehmen. Das war eine sehr erfolgreiche Inszenierung, da kam sogar Helene Weigel aus Berlin und sah sich das an. In Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) habe ich lange die Eliza Doolittle in „My Fair Lady“ gespielt, aber auch mit großem Erfolg die Jenny in der „Dreigroschenoper“.
1967 habe ich dann beim Chanson-Wettbewerb der DDR den Sonderpreis des Rundfunks gewonnen, und der gab mir so ein Entrée in die Musikszene. Mein erstes Konzert war in Leipzig, und es gab gleich einen Skandal … Es war eigentlich die alte Streitfrage: Darf man zeitgenössische E-Musik mit U-Musik kombinieren – und dann auch noch von einer Schauspielerin singen lassen? Dieser Skandal hat mir ungeheuer genutzt, denn plötzlich bekam ich sehr viele Angebote. Und so gab es für mich gar keinen Grund mehr, in ein festes Engagement ans Theater zurückzukehren.

Wie muss man sich das Leben als freiberufliche Künstlerin in der DDR vorstellen?

Man konnte auch in der DDR freiberuflich arbeiten, das ging durchaus, man musste nur aktiv und frech genug sein. Ich hatte die Möglichkeit – auch aufgrund der speziellen Farbe in meiner Stimme – viele Jahre im Hörspiel und als Synchronsprecherin zu arbeiten. Außerdem gab ich damals unzählige Konzerte in der gesamten DDR, ich fuhr wirklich auf die allerkleinsten Dörfer, das war mir egal, denn ich brauchte das Geld. Ich hatte immerhin zwei Töchter inzwischen, und das ging eigentlich ganz hervorragend.
Nach meinem Brecht-Programm 1971 bekam ich dann auch internationale Angebote. Erst wurde ich überall hingeschickt, wo die anderen nicht hin wollten. Zum Beispiel nach Algerien: Da waren die Franzosen schon raus und als irgendwann eine Delegation aus der DDR hinfuhr, musste eine Künstlerin mit – und so war ich die erste Brecht-Sängerin da unten. Ähnlich war es in Spanien nach dem Ende der Franco-Diktatur und in Portugal. Die Brecht-Lieder, die ich sang, passten sehr gut zu dem politischen Aufbruch, der in diesen Ländern damals vor sich ging. Das waren Konzerte, die ich nie vergessen werde, weil einem die Menschen da auf einmal ganz nah waren.

Paul Dessau, immerhin einer der Komponisten, die mit Brecht persönlich gearbeitet haben, hat Ihnen damals eine Komposition gewidmet, ebenfalls auf einen Text von Brecht.

Paul Dessau habe ich einmal in einer guten Sekunde getroffen, als mein Mann einen Dokumentarfilm über ihn gedreht hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich gerne Lieder von ihm aufnehmen möchte, und er war sofort sehr interessiert und nahm mich auch einmal mit in die Schule nach Zeuthen, wo er damals Musikunterricht gab, obwohl er schon relativ alt war. Seine berühmten Vertonungen von Brechts „Tierversen“ hat er ja dort in Zusammenarbeit mit einer Schulklasse entwickelt. „Die Kellerassel“ war für die Sängerin Roswitha Trexler, und „Das Pferd“ hat er für mich komponiert.

Das war für damalige DDR-Verhältnisse ein ziemlich frecher Text: über ein Pferd, das nichts taugt und deshalb Politiker wird …

Ja, aber das ging noch so durch. Es war ja von Brecht.

Trotzdem durften Sie dann in den 80er Jahren in der DDR fast gar nicht mehr auftreten. Wie kam das?

Ich bin zum ersten Mal in der DDR in Ungnade gefallen, als mir nach einem Konzert „im Westen“ ein Musiker weggeblieben ist. Ich war die Verantwortliche für die Tournee und bekam also eine Zeit lang Reiseverbot. Später war es genau umgekehrt: Ich bekam keine Arbeit mehr in der DDR, keine Konzerte, keine Plattenaufnahmen, aber ich durfte wieder auf Tournee ins Ausland, weil das immerhin Devisen brachte. Ich hatte vorher in der DDR ja sehr viel gemacht: Konzerte, Theater, Shows, auch für das Fernsehen. Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt hat das alles aufgehört, und ich durfte nur noch im Ausland auftreten.
1980 hatten wir dann ein Programm über Rosa Luxemburg fertig. Da war auch der berühmte Satz drin, dass die Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden ist. Wir haben das ein einziges Mal in Magdeburg gespielt und dann nie wieder in der DDR, obwohl wir im Ausland 150 Aufführungen hatten. Nach einem dieser Auftritte wurde ich in Westdeutschland gefragt: „Wo würde Rosa Luxemburg eigentlich heute leben wollen? In der DDR?“ Da hab ich gelacht und gesagt: „Das glaub ich nicht.“ Und dann sagte ich noch: „Ich weiß nicht, wo für sie überhaupt eine Chance wäre. Sie würde wahrscheinlich wieder erschlagen werden.“ Und eine Zeitung hat das gedruckt, ich wurde zitiert, und da hatte ich zuhause wieder Trouble…

Seit der Wende arbeiten Sie vor allem in Dänemark. Woher stammt Ihre besondere Beziehung zu diesem Land?

Ich bin Mitte der 70er Jahre zum ersten Mal in Kopenhagen aufgetreten, und es war eigentlich Liebe auf den ersten Blick: Ich mochte die Dänen, und die Dänen mochten mich. Die Dänen sind sehr offen, die sagen eigentlich ganz selten „Nein!“. Sie sagen: „Hm… Hvorfor? – Warum?“ Und das war ja auch immer Brechts Frage: „Warum?“ Das hat mir sofort gefallen. Und dann wurde ich immer wieder nach Dänemark eingeladen, übrigens auch nach Svendborg in das Haus mit dem Strohdach, in dem Brecht zwischen 1933 und 1939 gewohnt hat. Inzwischen arbeite ich seit mehr als 20 Jahren als „feste Freie“ an der Skuespillerskolen in Odense. Mein Unterrichtsfach heißt „Stimme und Körper“, und natürlich kommen viele Studenten zu mir, die etwas über Brecht und seine Theaterarbeit erfahren möchten.

Zu Ihrem 75. Geburtstag ist gerade eine CD mit Ihren besten Aufnahmen von Brecht-Liedern erschienen. Denken Sie manchmal schon an den wohlverdienten Ruhestand?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin eigentlich immer gierig auf das Neue, und es öffnen sich auch immer wieder neue Türen für mich, im Moment vor allem in Spanien. Über Eugenio Barba erhielt ich vor zwei Jahren eine Einladung nach Sevilla, um bei der Einstudierung der „Dreigroschenoper“ zu helfen. Daraus ergab sich 2007 eine ganz ähnliche Anfrage von Paco Macià Vicente für den „Kaukasischen Kreidekreis“ in Murcia. Mit Paco arbeite ich außerdem gerade an einem neuen Brecht-Programm. Wenn ich mich jetzt zur Ruhe setze, wäre das richtiger Stress für mich …


CD-Tipp: Sonja Kehler singt Brecht – Eisler – Dessau. Recordings 1972–1978.
Berlin Classics (edel 0184242BC), Hamburg 2008.


Hörbeispiele finden Sie hier (Sucheingabe: Kehler)

Die CD enthält Lieder aus Brecht-Stücken wie „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“, „Der Gute Mensch von Sezuan“ und „Der Kaukasische Kreidekreis“, sowie weitere von Hanns Eisler und Paul Dessau vertonte Brecht-Lieder wie „Der Pflaumenbaum“, das „Zukunftslied“, und „Sieben Rosen hat der Strauch“ (36 Einzeltitel).

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Das Gespräch mit Sonja Kehler führte Peter Deeg. Er ist freiberuflicher Musikwissenschaftler und lebt in Berlin.

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Fotonachweise:

1. Sonja Kehler (1974): Günter Prust, Berlin.
2. CD-Cover zu „Sonja Kehler singt Brecht“: Berlin Classics (edel).
3. Sonja Kehler (2005): Villekulla Fotograf, Kopenhagen.