Männerecke

Daphne P.

„Ich hab grade ihre Nummer angerufen“, sagt die Gräfin. Sie ist gefasst. Sie will keinen Streit. Sie will wissen, was los ist.

Von: Glumm

vom 30.12.08

 

Neun Uhr, ich sitz in der Bibliothek vorm Rechner. Das Telefon klingelt. Auf dem Display erscheint unsere Nummer. Die von zu Hause. Ich heb ab.

„Hallöchen.“
„Ich kann nicht bis heute Mittag warten“, sagt die Gräfin. Ihre Stimme ist schwer.
„Hm? Wie, nicht bis heute Mittag?“
„Bis du zu Hause bist.“
Pause.
Scheiße. Ist jemand über die Wupper..?

„Wer ist Daphne Peters?“ fragt sie.
„Daphne wer?“
„Peters. Daphne Peters. Tu doch nicht so.“
„Wie, tu doch nicht so.. Ich kenne keine Daphne Peters.“
„Und wieso ist dann ihre Telefonnummer bei uns gespeichert?!“
„Hä?“ Ich hab keine Ahnung, wovon sie redet. „Welche Nummer ist bei uns gespeichert..?“
„16630.“
„16630? Kenn ich nicht, die Nummer.“
„Ach ja? Und wer hat die dann gewählt? Der Heilige Geist vielleicht??“

Den haben meine Mutter und meine italienische Oma auch immer bemüht, wenn ich was angestellt hatte, es aber nicht zugeben wollte, den Heiligen Geist. Ob der das gewesen wäre. Dieser Blödmann. Wer ist das überhaupt?
„Keine Ahnung“, sag ich genervt. „Ja, vielleicht war es der Heilige Geist! Ich jedenfalls nicht. Die Nummer kenn ich nicht. Hab ich nicht gewählt.“
„Das ist aber die letzte Nummer, die hier gespeichert ist.“

Ich hasse Mißtrauen. Und wenn es grundlos ist, noch mehr. Ich hab seit Jahren nichts mehr mit einer anderen gehabt. Und Daphne Peters! Welch ein Name. Wie aus dem Rosamunde- Pilcher-Roman. Wie 17 Minuten Almabtrieb, in Cornwall.
„Wer zum Teufel soll das denn sein, Daphne Peters??!“ sag ich wütend.
„Schrei mich nicht an. Ich kann nichts dafür. Die Nummer hat sich schließlich nicht von alleine gewählt.“
„ICH AUCH NICHT! ICH KENN KEINE VERFLUCHTE DAPHNE PETERS!“

Wenn sie mir jetzt noch kommt mit „Wer schreit, hat Unrecht“ hab ich endgültig meine Mutter und meine Oma am Apparat. Und den Heiligen Geist. Der hat seine Finger grundsätzlich im Spiel, der Sack. Schon als ich fünf war.

„Ich hab grade ihre Nummer angerufen“, sagt die Gräfin. Sie ist gefasst. Sie will keinen Streit. Sie will wissen, was los ist. Was ich da am Laufen hab. „War aber nur der Anrufbeantworter dran. Ne träge Stimme. Unser Alter. Also, komm, erzähl.“
„ES GIBT NICHTS ZU ERZÄHLEN!!“

Das Fenster zum Hof steht offen, ich seh den Geschäftsführer vorfahren, in seinem Oldtimer-Mercedes. Das hat noch gefehlt. Wenn der jetzt hier auch noch aufmarschiert.
Ich fahre einen Gang runter.

„Du hast doch gestern Abend noch telefoniert“, sag ich. „Du warst die letzte.“
„Ja, ich hab den Carl abgehört. Der hatte angerufen. Und da war noch keine Nummer von Daphne Peters von der Zeppelinstraße gespeichert.“
„Zeppelinstrasse??“
„Ich hab im Telefonbuch nachgeschaut. Peters, Daphne, Zeppelinstraße.“
„Und wo zum Teufel soll die bitteschön sein, deine Zeppelinstraße!?“

Der Chef zerrt den Koffer vom Rücksitz, schließt die Autotür ab. Ich winke. Er sieht mich nicht. Er ist beschäftigt. Er spricht in sein Freisprechmobiltelefon. Er hat drei Wochen Urlaub gehabt. Er ist braun gebrannt.
„Weiss nicht. Zeppelinstraße hab ich nicht gefunden im Stadtplan.“
„Wie, im Stadtplan? Du hast auch den Stadtplan rausgeholt..??“
Ich bin verblüfft. Was ist denn mit ihr los?
„Ich will schließlich wissen, wo deine kleinen Nutten wohnen“, sagt sie.

Langsam werd ich selber mißtrauisch. Telefoniere ich jetzt schon mit wildfremden Puppen, ohne mich am nächsten Tag daran zu erinnern? Was für eine dämliche Spielart von äh Dingens, na, wie heißt es noch...? sollte das denn sein? (Ich komm gleich drauf.)

Erst mal aktiviere ich den Kommissar in mir. Der hat nicht viel Platz und liegt meist auf der faulen Haut, aber es gibt ihn. Wollen wir die Sache also mal logisch angehen.


„Gut - du hast gestern Abend gegen.. elf Uhr den Anruf von Carl abgehört, richtig?“
Carl ist der Zimmermann, der in der neuen Werkstatt der Gräfin ein Treppengeländer bauen soll, auf Kosten der Vermieterin.
„Ja.“
„Und danach?“ frag ich.
„Wie, danach?“
„Na, war danach noch was?“


„Nee. Natürlich nicht. Ich bin ins Bett.“
„Ja, genau. Und heut Morgen sind wir zur gleichen Zeit aufgestanden. Wann also, bitteschön, soll ich deiner Meinung nach meine kleine Nutte Daphne Peters angerufen haben? Mitten in der Nacht?! Halb vier vielleicht?“
„Siehst du - jetzt sagst du es schon selbst.“
„Was sag ich selbst?!“
„Meine kleine Nutte Daphne Peters.“
Sie schluchzt.
„Das hab ich doch nur so.. Ach, Scheiße!“

Plötzlich stöhnt sie auf.
„Moment mal.“ Das Telefon knistert. Die Schnur. Sie knibbelt daran, nervös. „16630... Das ist... das ist ja die 1 und unsere Geheimzahl...!“

Ich seh quasi ihre Hand gegen die Stirn klatschen. Im Hintergrund kläfft Frau Moll, zustimmend.
„Hä?“
„Na, 6630, das ist doch unsere Geheimzahl für die T-Net-Box! 6630! Die muss man wählen, um den letzten Anruf abzuhören, und die wird natürlich auch gespeichert. Und die 1 davor steht für das Sternchen, das man vor der Geheimzahl wählen muss... Ach, du Schande...!“

Ich hau auf die Schreibtischplatte. Das Telefon springt hoch, und draußen fliegen die Tauben auf, der Chef bleibt stehen und stiert ihnen überrascht hinterher. Die Gräfin und ich brechen in Gelächter aus. Und mir fällt plötzlich das Wort ein: ALZHEIMER!
Alle Blockaden aufgehoben.


„Ich werd verrückt!“ ist die Gräfin gleichzeitig froh und ein bisschen beschämt.
„Ich hab soviel Stress“, sagt sie, „in letzter Zeit. Ich seh schon Gespenster.“
„Ja ja“, sag ich, „schon gut.“
Aber so einfach kommt sie mir nicht davon.
„Weißt du was? Die ruf ich jetzt mal an.“
„Wen?“


„Na, Daphne Peters. Die gibt's ja wirklich, oder?“
„Was äh ja... natürlich.“
„Dann red ich mal ein paar klärende Worte mit ihr“, sag ich. „Was die bei uns im Display zu suchen hat, die kleine Nutte.“
„Untersteh dich“, keucht sie.
„Oder ich schreib drüber.“
„Untersteh dich doppelt!“
Hi. Hi.

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog „500Beine“ über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“.

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