Weibchenschema

Das Buch der Frauenministerin

Wie emanzipiert sind wir wirklich?

Kristina Schröder hat sich mit “Danke, emanzipiert sind wir selber!” keinen Gefallen getan. Anderen auch nicht. Wozu nur dieses Buch? fragt man sich bei der Lektüre. Um zu sagen, der Feminismus sei heute überflüssig?

 

Vernichtende Kritik - berechtigt?

Im Grunde liefert es die Begründung dafür, weshalb sich in der Frauen- und Familienpolitik so wenig tut. Weil die Frauenministerin - und das haben wir nun schwarz auf weiß - der Meinung ist, dass es nichts wirklich mehr zu tun gibt. Sie beschreibt die “ganze junge, gut ausgebildete Frauengeneration”, als “finanziell unabhängig, weil in der Lage, ihr eigenes Einkommen zu verdienen,” und als eine, “die selbstbewusst und selbstverständlich das Recht, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu führen und dafür Raum in Familie und Gesellschaft zu beanspruchen, in Anspruch nimmt.”

Die Realität nehmen viele Frauen aber ganz anders wahr. Kritiker und Kritikerinnen fielen förmlich über sie her - nicht zuletzt, weil sie “die Bedeutung von struktureller Ungleichheit für die aktuelle Lage der Frauen in unserem Land leugne”, so in einem offenen Brief.

 

Unerfüllte Hoffnungen

Wie viele Frauen hatten sich Hoffnungen gemacht. Endlich eine junge Frau auf einem für die Chancengleichheit so wichtigen Ministerposten, eine mit Baby noch dazu. Um so mehr schmerzt es nun, dabei zuzusehen, wie sich Kristina Schröder um Kopf und Kragen schreibt und künftiger Frauenpolitik die Berechtigung abspricht.

Allerdings ist die Position, die Frau Schröder vertritt, für den Lebensabschnitt, in dem sie sich befindet, gar nicht so untypisch. Mit dem ersten Sprößling frisch geboren und gewickelt, glücklich glucksend auf dem Arm kommt mancher Frau der Gedanke: “Ist doch ganz einfach mit  Beruf und Kind. Alles easy. Wir sind emanzipiert.” Das unsanfte Erwachen kommt meist erst Jahre später. Es dauert seine Zeit, bis sich die ersten Spuren zeigen und man/frau merkt, dass die Hauptlast der Erziehung, Betreuung und Haushaltsarbeit auf weiblichen Schultern lastet, und urplötzlich gar nicht mehr viel Energie und Raum für “eigene Vorstellungen” übrigbleibt.

 

Realitätsfremde Ansichten

Nun, Frau Schröder plädiert hier für Wahlfreiheit und argumentiert mit Eigenverantwortung. Doch, in welchem Umfang können Frauen tatsächlich wählen, wie sie leben? Und wo stößt ihre Wahlfreiheit an Grenzen, die Männer nicht haben? Dass Kristina Schröder das (noch) nicht so sieht, kann man ihr dabei gar nicht zum Vorwurf machen. In ihrer persönlichen Erfahrung kam es bislang nicht vor, dass sie etwas, das sie wollte, nicht tun konnte. Ihr stand das offen, was auch einem Mann offensteht: Ministerin werden, eine Familie gründen und kurze Zeit nach der Geburt wieder Vollzeit in den Beruf zurück, ohne dass die Karriere gelitten hätte. Doch die Lebenswirklichkeit vieler Frauen sieht anders aus. Deren Aufstieg wird gebremst, weil Kollegen, die weder den Haushalt noch Kinder versorgen mussten, belastbarer und zeitlich verfügbarer waren. Diesen Frauen nun zu erklären, das Familien- und Frauenministerium betrachtet das als privates Problem, ist - gelinde gesagt - wenig hilfreich.

Ja, es darf heute jede Frau den Lebensentwurf wählen, den sie mag. Die Bedingungen und Konsequenzen des Lebensentwurfs kann sie aber leider nicht mitgestalten - diese werden von der Gesellschaft abgesteckt. Und damit die Gesellschaft wirkliche Chancengleichheit bietet, dafür brauchen Frauen mehr Unterstützung. Das Buch liefert keine.


Hängematte statt Hamsterrad?

Wie wirklichkeitsfremd Kristina Schröders Ansichten vom Leben einer Mutter derzeit noch sind, zeigt sie spätestens dort, wo sie argumentiert, Frauen hätten es doch gut, weil sie sich mit einer bewussten Wahl für die Familie auch gegen ein Leben im Hamsterrad entscheiden könnten. Überspitzt formuliert unterstellt sie: Frauen würden sich bewusst gegen Karriere und für Kindererziehung entscheiden, weil sie keine Lust auf das Hamsterrad hätten, in dem ihre Männer stecken und sich abstrampeln. Das zeigt, dass sie keine Vorstellung davon hat, wie erschöpfend und überfüllt ein Tag für eine Mutter (ob berufstätig oder nicht) ist, die für die Kinder da sein muss. Da ist nix mit Fingernägel lackieren. Das ist Hamsterrad.