Women only

Das Fläschchen zur Freiheit

Alle wissen alles besser, vor allem, wenn es um das Kind geht.

Eine der schlimmsten Foltermethoden ist Schlafentzug. Tritt er über mehrere Nächte auf, so kann er zu Sekundenschlaf führen, ferner zu Demenz, Persönlichkeitsstörungen oder zum Tod. Ich bin so gesehen ein Fall für Amnesty International. Dabei lebe ich nicht einmal im Archipel Gulag, ich habe ein Baby.

Nach etwa vier Wochen Dauerschlafentzug geht man nicht nur auf dem Zahnfleisch, nein, man geht auf dem Kieferknochen. Man befindet sich tagsüber ein einem dämmernd-dösenden Wachkoma und nachts könnte man besser einen Flohzirkus im Freigehege bewachen, als ein Baby zu stillen.

Die eigene Produktivitätsrate kapriziert sich auf Milchmenge X. Das Stillen wird zum zentralen Nacht- und Tagesinhalt. Geistig und intellektuell hat einen der Säugling spätestens in der vierten Lebenswoche überholt. Das Sprachzentrum beschränkt sich auf Begriffe wie: „Dadadadada“ und „Dutzi, Dutzi, Dutzi“, was beim Gespräch mit dem Partner nicht unbedingt eine flotte abendliche Konversation zu Stande bringt.

Nein, nach vier Wochen spüre ich, dass ich nicht zu den Müttern gehöre, die eine Art Obligatorische Symbiose mit ihrem Kind betreiben und sich selber nur noch als Wirtszelle für das Kind verstehen, das ihnen parasitär alle Lebensgeister aussaugt. 

Bislang fühlte ich mich frei und selbstbestimmt. Ich führte ein bürgerlich, konservatives Leben, erlaubte mir die eine oder andere Extravaganz außerhalb der Konvention, aber jetzt befindet ich mich plötzlich in einer Art selbstgewählter Fremdbestimmung und bin zu einer sofasitzenden Saugmaschine geworden, die soeben von ihrer gesamten Familie entmündigt wurde. Alle wissen alles besser, vor allem, wenn es um das Kind geht (Es muss Bäuerchen machen, es hat Durst, es hat Hunger, es ist müde, ihm ist langweilig, etc.), zu dessen Lebendfutter ich gerade mutiere.

„Das Kind hat Hunger!“, sagt mein Mann, wenn das Kind quengelt, aber ich sage: „Nein, ich habe ihn eben schon zwanzig mal gestillt, ich bin wie Flasche leer. Hier guck.“ Dann zeige ich ihm meine Brüste, die entkräftet vor sich hin wabbeln. Der Mann aber steckt dem quengelndem Kind den Finger in den Mund, das Kind saugt – das Kind saugt aber immer, wenn man ihm etwas in den Mund steckt, das ist der angeborene Saugreflex – doch der Mann sagt: „Hier guck! Hunger! Probier's doch noch mal.“ Und ich probiere und fühle mich noch ausgesaugter und denke: O je, o je, so geht das nicht weiter. 

Vor allem wenn ich bald wieder anfange zu arbeiten. Doch der Mann hat die Lösung: „Abpumpen! Abpumpen! Abpumpen!“ und wir kaufen uns eine kleine handliche Elektropumpe, die ich nun zwischen den Stillzeiten bediene. Meine armen Brüstchen, mein armes Leben! Schluss damit! Eine Runde Fläschchen für alle! Brust ist ab jetzt nur noch intelligenzförderndes Luxusschmusen für kuschelbedürftige Wohlstandssöhnchen! Vive la liberté! Prost!