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Das Gedächtnis des Wassers

Die Savoyer Alpen als neue Krimiszene: Francois Ganthereth hat einen Roman geschriebem, in dem es um die Macht der Erinnerung geht – und nur am Rande auch um die Suche nach einem Mörder.

Paul kehrt zurück in sein Heimatdorf in den Savoyer Alpen, um den Hof seiner Eltern zu verkaufen, aber das ist nicht so einfach, wie er dachte. Die lang verdrängten Erinnerungen an seine Jugendliebe Claire hindern ihn an einer schnellen Entscheidung, denn sie verließ ihn nicht wegen eines anderen. Sie wurde an einem Wildbach erschlagen. Wahrscheinlich kannte jeder im Dorf den Mörder, aber alle schwiegen. Sie tun das, bis Paul zurückkehrt und im Nachbarhof Beatrice entdeckt, eine junge Pianistin, die seiner Claire verblüffend ähnlich sieht. Dazu das sonderbare Geschwisterpaar Aline und Baptiste.

Nur diese vier Personen braucht Francois Ganthereth, in seiner französischen Heimat als Essayist und Romancier bekannt, um einen faszinierenden, literarisch anspruchsvollen Krimi zu schreiben, in dem es kaum um die Suche nach einem Mörder geht. Weit wichtiger sind die Spuren, die Menschen in der Erinnerung anderer hinterlassen. 

Gantheret schreibt über das Verdrängen, das nie wirklich funktioniert, über das Schweigen, das höchstens Aufschub bringt, aber kein Verzeihen, über die Notwendigkeit, irgendwann ein neues Leben anzufangen, wenn das alte schal und öde geworden ist.

Das Ergebnis ist ein schmaler, anrührender Roman im Setting der Savoyer Alpen, der lange in Erinnerung bleibt. Weil der Mörder so archaisch ist wie Paul und Beatrice modern. Weil er die von begeisterten Touristen so gern übersehenen Nachteile des Landlebens sichtbar macht – vom lähmenden Schweigen über die enge Verstrickung der Dorfbewohner bis zum gemeinsamen Hass auf alles Fremde. Und weil er Landschaftsstimmungen so eindringlich und einleuchtend beschreibt wie die Gefühle der Protagonisten. 

Ein leicht am Strand zu lesender Sommerroman? Das ist „Das Gedächtnis des Wassers“ auch. Aber es ist außerdem eine gute Lektüre für Tage, an denen man sich selbst so grau und vernagelt fühlt wie ein Bergdorf im Regen. Dann weckt es die Erinnerung an eigene Lebensschmerzen – und daran, dass man sie überwinden kann.