Starke Frauen

Ruth Pfau ließ sich nicht evakuieren

„Wenn keiner mehr über Lepra spricht und keiner mehr an Lepra denkt, dann wird sich die Lepra wieder ausbreiten“, sagt die Ärztin Ruth Pfau. Im Marie Adelaide Leprosy Center (MALC) in Pakistan feierte sie im September mit Mitarbeitern und Patienten ihren 80. Geburtstag. Erst für dieses Jahr ist eine größere Feier geplant: Dann sind es 50 Jahre, in denen Ruth Pfau gegen die Not angeht.

Ruth Pfau wurde 1929 in Leipzig geboren. Sie hilft seit 50 Jahren in Karachi Lepra zu bekämpfen und zu heilen. Eigentlich wollte sie, die seit Jahrzehnten das Ideal der Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit lebt und Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen geschlagen hat, gegen Ende ihres Lebens ein wenig kürzer treten. 

Doch mit dem Anschlag auf die Twin-Towers in New York hat sich auch ihre Welt geändert. Pakistan war nach den amerikanischen Bomben auf Afghanistan zu einem Pulverfass geworden. 500.000 Flüchtlinge gelangten zunächst unbemerkt auf abenteuerlichen Wegen in die Millionenstadt Karachi. Mit dem unvorstellbaren Leid der Menschen konfrontiert, bleibt Ruth Pfau – trotz ihres nun schon hohen Alters und trotz vieler Aufforderungen, sich lieber nach Deutschland evakuieren zu lassen (weil Christen auf der Terrorliste muslimischer Fundamentalisten stehen und Freunde aus der Menschenrechtsbewegung schon ermordet wurden). Aber, so verkündet auch einer der letzten Buchtitel dieser Frau: „Das Herz hat seine Gründe“

Ruth Pfau erzählt in diesem autobiografischen Bericht nicht nur von ihrer Arbeit, dem Team, den Begegnungen und ihren Eindrücken, sondern sie erläutert auch die Motive für ihren Einsatz in der islamischen Welt und setzt sich mit politischen Perspektiven auseinander. Was sie schreibt, ist von großer Glaubwürdigkeit gekennzeichnet und vermittelt, dass jeder Einzelne etwas dazu beitragen kann, die Welt zum Besseren zu wenden. Man bleibt von Kapitel zu Kapitel neugierig: Wie reagiert sie, die immer von der Liebe zu den Menschen Rettung erhofft hat, nun auf den unerwarteten Hass? Wo liegt die Zukunft im Verhältnis von Islam und westlicher Welt? Was denkt sie über das Alter, über das Nachlassen der Kräfte? 

Ruth Pfau, Ärztin und Ordensfrau, hat das Lepra-Programm für ganz Pakistan aufgebaut und wurde zur nationalen Beraterin für das Lepra- und Tuberkulose-Programm im Rang einer Staatssekretärin. Sie erhielt neben zahlreichen Auszeichnungen 2002 den asiatischen Nobelpreis (den Magsaysay-Award), im Mai 2003 den erstmals verliehenen Itzelpreis und den höchsten pakistanischen Orden: Sie ist eine der 99 Gerechten (das entspricht den 99 Namen Allahs). 

 

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. (DAHW) hat im Jahre 1996 die Ruth-Pfau-Stiftung ins Leben gerufen. Auf dereren Homepage finden sich weitere Informationen zum Engagement der Jubilarin, die im Februar ihr neues Buch „Und hätte die Liebe nicht veröffentlichen wird. Und hin und wieder mit dem Satz zitiert wird: „Liebe hört geduldig zu und versucht, den Standpunkt des Patienten zu verstehen. Sie freut sich daran, wenn Menschen rehabilitiert werden...“.