Lesen

"Das innere Auge"

Das neueste Buch aus der Praxis des New Yorker Neurologen und begnadeten Geschichtenerzählers Oliver Sacks

"Neue Fallgeschichten" lautet der Untertitel dieses - wie immer bei Oliver Sacks - aufregenden Buches über die unendlich vielfältigen und überraschenden Fähigkeiten unseres Gehirns. Seit seinem ersten Buch über den "Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", liefert der inzwischen weltweit berühmte amerikanische Neurologe (Professor an der Columbia University) immer neue Patientengeschichten, selbst erlebte und sorgfältig recherchierte, die seine (von der vieler Kollegen abweichenden) Meinung bestätigen:

 

Unser Gehirn ist flexibler als wir denken

Der Mensch und sein Gehirn sind einerseits höchst empfindlich und damit zu den erstaunlichsten und erschreckendsten Abweichungen vom so genannten Normalen fähig. Andererseits liefern sie aber auch verblüffend wirksame Bewältigungsstrategien für ihre "Fehlleistungen", die ihm vor kurzem noch niemand zugetraut hat. Denn, so die allgemein akzeptierte Meinung der Gehirnexperten, die graue Masse hinter unserer Stirn wird in der frühen Kindheit sozusagen fest programmiert. Und damit wird sie total unflexibel.

Stimmt nicht. In seinem neuesten Buch über "Das innere Auge" stellt Oliver Sacks uns Menschen vor, so brillant, einfühlsam und spannend wie immer,  die mit gravierenden Störung umzugehen lernen, neue Strategien erfinden, um mit ihnen fertig zu werden, den Alltag, ihr Leben weiterhin zu bewältigen, ja, zu genießen.

 

Plötzlich ein blinder Fleck

Der bedrückendste "Fall" ist Sacks selbst. Eines Tages wird ein Tumor hinter seinem rechten Auge festgestellt. Er wird korrekt behandelt und stillgelegt, aber der Arzt verliert einen großen Teil seiner Sehfähigkeit. Die rechte Hälfte der Welt verschwindet aus seinem Gesichtsfeld, hinter einem dicken, undurchsichtigen "Nichts", einem blinden Fleck in der Form von Australien,  und - sie wird flach. Er kann nicht mehr räumlich sehen. Statt Treppen oder Bordsteinkanten nur noch Linien auf dem Boden zum Beispiel.

Grauenvoll? Sacks wird damit fertig. Vielleicht weil er sich selbst als medizinisch interessanten Fall beobachten kann, aber er erzählt auch von anderen Menschen. Einer amerikanischen Pianistin, die eines Tages keine Noten mehr lesen kann. Einem blinden Australier, der leichtfüßig auf das Dach seines Hauses klettert, um die Regenrinnen zu reparieren. Und einem Patienten, der nach seiner Erblindung jede bildliche Vorstellungskraft verlor. Und sich damit wohl fühlt.

 

Neue, erzwungene Blickwinkel

Mal abgesehen davon, dass all diese "Fälle", die Sacks nie als Fall, sondern immer als Geschichten von Menschen erzählt, die ihn etwas angehen, ihn berühren, höchst spannend zu lesen sind, sie sind auch tröstlich. Weil sie beweisen, dass aus der ersten Verzweiflung - die Sacks auch von sich selbst höchst eindrucksvoll beschreibt - etwas Neues, Positives entstehen kann. Weil das geschädigte Gehirn sich neu organisiert. Bisher ungenutzte Areale werden umgeschult, neue Nervenverbindungen wachsen - und der Betroffene lernt, mit den Behinderungen umzugehen, die Welt auch aus dem durch den Ausfall bisher benutzter Neuronen erzwungenen Blickwinkel interessant und sogar lebenswert zu finden.

Die "neuen Fallgeschichten" im "inneren Auge" bieten also zweierlei: faszinierende Einblicke in die Verletzbarkeit des Gehirns, aber auch die neueste wissenschaftliche Erkenntnis der Gehirnforscher, dass die Neuronenverbindungen nicht mit Computer-Schaltkreisen verglichen werden können, die nur ihr einmal festgelegtes Programm beherrschen. Sie können und wollen sich neuen Herausforderungen anpassen. Nicht sofort. Die Phase der Panik, der Abwehr, des Entsetzens während einer Erkrankung muss erst mal überwunden werden, aber danach gibt es ein weiteres Leben, und das kann ebenso gut sein wie das gewohnte. Eine wunderbare Einsicht.