Wissenswertes

"Das innere Korsett"

Warum Mädchen in der Pubertät ihr Selbstvertrauen verlieren und Frauen auf der Stelle treten.

Frauen dürfen heute alles – und kommen dennoch nicht voran. Was ist da bloß los, haben wir uns gefragt und uns intensiv mit dem Phänomen befasst. Herausgekommen ist ein Buch, das nun beim C.H. Beck-Verlag erschienen ist. Es zeigt, wie Frauen vor allem durch überholte Rollenbilder ausgebremst werden - nämlich den gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie eine Frau „zu sein“. Fürsorglich, rücksichtsvoll, mütterlich und sexy sollen sie sein - da gehen die eigenen Interessen und beruflichen Ambitionen zwangsläufig unter. Hier ist ein Auszug:


Was bedeutet es, ein Mädchen zu sein?


Denken wir nicht alle, heutzutage ein Mädchen zu sein, das ist klasse!? Doch um das Selbstbild von Mädchen und weiblichen Teenagern ist es nicht gut bestellt, wie eindrücklich ein Videoclip zeigt, der vor einiger Zeit im Internet die Runde machte. Die Aufgabe war, «wie ein Mädchen»  – «Like A Girl»  – zu agieren. Kinder und Jugendliche wurden gebeten, vor der Kamera nachzumachen, wie Mädchen rennen und wie Mädchen einen Ball werfen. Das Ergebnis geht unter die Haut: Die Jugendlichen bewegen sich daraufhin ungelenk, kichernd und tapsig. Insbesondere die weiblichen Jugendlichen ziehen sich mit affigen Bewegungen selbst ins Lächerliche. Viel selbstbewusster hingegen zeigen sich die 6- bis 10-jährigen Mädchen, die konzentriert bei der Sache sind und ihr Bestes geben, ohne auch nur einen Hauch ins Groteske abzudriften. Offensichtlich passiert während der Pubertät etwas Entscheidendes: Im Übergang vom Kind zum Teenager merken viele, dass «ein Mädchen sein» heißt, schwach zu sein.


Das Video wurde innerhalb weniger Wochen über 45 Millionen Mal angeklickt. Es scheint einen Nerv getroffen zu haben. So wie das Video zeigt, dass Mädchen im Laufe ihrer Entwicklung unsicher werden, so ist zu beobachten, wie sich Frauen später im Leben freiwillig hinten anstellen und ihre Ziele begraben, statt diese voller Elan zu verfolgen. Dieses Buch will die Mechanismen aufdecken, die dafür verantwortlich sind, dass Mädchen in der Teenagerzeit entmutigt werden und im Erwachsenenalter nicht vorankommen. Denn wir sind davon überzeugt, dass es hier einen direkten und häufig übersehenen Zusammenhang gibt. «Es fängt in der Kindheit an und hört nie auf», wie die Autorin Soraya Chemaly sagt.


Selbstzweifel junger Frauen


Vor einigen Jahren fiel uns eine Studie in die Hände, die uns fassungslos machte. Sie zeigt auf, wie weibliche Teenager im Zuge ihrer Pubertät an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, an Ich- Stärke und Selbstbewusstsein verlieren. Die Mädchen werden zögerlich und verstummen, während die Jungen mit stolzgeschwellter Brust an ihnen vorbeiziehen. Wir waren schockiert und konnten es nicht wirklich glauben: Am Anfang des 21. Jahrhunderts plagen sich Mädchen und junge Frauen mit Selbstzweifeln, obwohl sie heute mehr Rechte denn je haben, ihre Schulabschlüsse besser als die der Jungen sind und alle Zeichen auf Frauenförderung stehen. Wir recherchierten weiter. Könnte es sein, dass es mit diesem Schwinden des Selbstvertrauens zu tun hat, weshalb sich Frauen im Erwachsenenalter so schwer damit tun, aus dem Schatten der Männer herauszutreten und ihre Ziele mit derselben Vehemenz wie diese zu verfolgen? Vor allem wollten wir wissen, woran es denn genau liegt, dass die Mädchen an Selbstbewusstsein einbüßen.


Wir stießen auf eine Menge «heimlicher Erzieher», die maßgeblich beeinflussen, wie Frauen sich selbst sehen, was sie meinen zu können und was nicht, wie viel sie sich zutrauen und welche Rolle Frauen glauben, in der Gesellschaft zu spielen. Es beginnt schon in der frühesten Kindheit, in der Erziehung durch Eltern und Lehrer, und setzt sich fort durch die Medien, die Werbung, die Berufswelt, die Politik und die Konsumwelt. Dort überall wird ein Frauenbild gezeichnet, das  – ohne dass wir uns dem entziehen könnten  – unser Selbstbild formt. Und dieses Bild ist erstaunlich rückständig. Es bedient die ewig alte Leier von den duldsamen und disziplinierten Mädchen, den für Fürsorge und Herzenswärme zuständigen Frauen, die sich möglichst angepasst im Hintergrund aufhalten  – und bei allem, was sie tun, möglichst sexy und hübsch auszusehen haben.


Unsere Bilder im Kopf


Wir sind geprägt von den Erziehern und Erzieherinnen, die Mädchen nicht auf Bäume klettern lassen, weil sie sich sonst schmutzig machen; von den Lehrern und Lehrerinnen, die Schülerinnen vor allem für Fleiß und Ordnungsliebe loben und Schüler für ihre Intelligenz; von den Eltern, die kämpferische Söhne abtun mit den Worten «Jungen sind halt so» und ihre Töchter zum Nachgeben animieren. Wir haben die Bilder der TV-Serien im Kopf, in denen das alleinige Lebensziel der Heldinnen die Jagd auf Prinz Charming ist und die sonst keine weiteren Interessen zeigen; von den lasziv und dümmlich dreinschauenden Models auf den Werbeplakaten und von Prinzessin Lilifee. Diese Erfahrungen und Erlebnisse formen unser weibliches Selbstbild, sie schränken uns ein und hemmen uns in der Entfaltung unserer Möglichkeiten und Potenziale, unserer Ziele und Wunschvorstellungen von einem gelungenen Leben.


Wenn wir es ernst meinen mit der Emanzipation, reichen die Frauenquote, der Ausbau der Kita-Plätze und der jährliche «Girls’ Day» nicht aus. Vielmehr müssen wir unsere Denkweisen gehörig ausmisten und die Bilder in unseren Köpfen neu besetzen: mit Frauen, die sowohl fürsorglich als auch fordernd, neben passiv auch aktiv und nicht nur leise, sondern auch laut sein dürfen. Wir dürfen als Gesellschaft den Mädchen, jungen und erwachsenen Frauen nicht durch die Hintertür veraltete Rollenmodelle aufnötigen und sie durch stereotype Geschlechterklischees einschränken. Die Zeit ist reif, sich von einer «Typisch Mädchen»- «Typisch Junge»-Kategorisierung zu verabschieden.

 

 

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"Das innere Korsett - Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen", Bärbel Kerber und Gabriela Häfner, C.H.Beck-Verlag, Februar 2015, 217 Seiten.

 

Bildnachweise:

1. U.S.Fotografie via flickr.com

2. C.H.Beck Verlag

3. martin via flickr.com