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Das Labyrinth der Wörter

Er ist intellektuell eher eine Brache von Mann, sie eine viel ältere Frau, die gerne das Leben umpflügt – und mit Romanwelten auch ihn.

 

„Das Labyrinth der Wörter“ wurde in Frankreich mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet – zu Recht. Und die Filmrechte sind schon verkauft. Das verblüfft, denn dieser kleine, feine Roman liefert zwar eine Liebesgeschichte, sogar eine besonders schöne, aber keine Glamour-Rollen: 

Denn der Ich-Erzähler Germain ist in den Augen der meisten Menschen ein Versager. Er hat die Schule abgebrochen, nie einen richtigen Beruf gelernt, als Heim einen alten Wohnwagen und züchtet vor dem Haus, in dem seine abweisende Mutter mehr schlecht als recht vor sich hin altert, Gemüse. Seine Lieblingsbeschäftigung: Im nahe gelegenen Park die Tauben zählen und seinen Namen auf das Kriegerdenkmal schreiben, das dort steht.

Hier trifft er Margueritte, die seine Taubenliebe teilt und ihn auch sonst wie einen vollwertigen Menschen behandelt, einen, dem sie vorlesen kann. Zum Beispiel aus der „Pest“ von Camus. Anspruchsvolle Lektüre, aber Margueritte überspringt alle langweiligen Stellen, und Germain ist bezaubert von der alten Dame wie von der dramatischen Geschichte aus Algier.

Marie-Sabine Roger beschreibt diese Love-Story zwischen alt und sehr viel jünger, zwischen Bildungsbürgerin und Prekariatsmann beinahe nüchtern, aus der Sicht des rund 40-jährigen Arbeitslosen, den selbst die Freunde, mit denen er abends trinkt, für einen Dummkopf halten. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk, knapp 200 Seiten, das begeistert und dessen Lektüre glücklich macht – weil sie den Glauben an das Gute, Schöne und Interessante in allen Menschen bestätigt. Und mahnt, auch harmlos aussehende Bücher wie das „Labyrinth der Wörter“ nicht einfach so zu verkennen.

 

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Bildnachweise: 

 

1. Gérard Depardieu und Gisèle Casadesus in dem Film „La Tête en friche“, der im Sommer in die Kinos kommt.

 

2. Buchcover, Hoffmann u. Campe Verlag.