Wissenswertes

Das Land hinter den Billyregalen

Schweden hat vieles, was wir nicht haben. Unberührte Natur und eine hohe Geburtenrate, erstklassige Krimiautoren und eine Einrichtungskultur, die so gut und günstig ist, dass man ihr auch hierzulande zu Füßen liegt, um mit einem Inbusschlüssel am häuslichen Glück zu schrauben. Doch was steckt hinter den Alltagsmythen, die unser Bild vom Musterland im Norden bestimmen? Was sind die Themen, die Leben, Kultur und Politik dort bestimmen? Und was sind die Gemeinsamkeiten, die es zu entdecken gäbe – hinter Halbwahrheiten und den gängigen Stereotypen? Ein Buch, das sich als „Nachbarschaftskunde“ versteht, gibt Auskunft – und lädt zu einem differenzierten Blick auf die andere Seite der Ostsee ein.

 „Bonuskind“ – das ist ein Begriff, der bestens in das gängige Bild des Nachbarn passt. Für die schwedische Gesellschaft ist nämlich die Vorstellung, jemanden „stiefmütterlich“ zu behandeln, ein Alptraum. Und deswegen heißen Kinder, die ein neuer Lebenspartner aus einer früheren Beziehung mit in die Familie bringt, auch nicht so, als wären sie notgedrungen mit von der Partie. In Schweden, wo die Patchworkfamilie ebenso im Trend liegt wie anderswo, heißen sie „Bonusbarn“. Ein Ausdruck, in dem vieles mitschwingt: unter anderem auch der unbedingte Wille, Kinder als eine Bereicherung zu sehen – für alle. 

 

Immer mal wieder geht der Blick zu den Nachbarn im Norden, wenn in Deutschland über Familie und Nachwuchs debattiert wird. Was machen diese Nachbarn eigentlich anders als wir – und mit so guten Ergebnissen? Zahlreiche UN-Studien jedenfalls bescheinigen dem Land nur Bestnoten, sobald Lebensqualität und Chancengleichheit ins Visier genommen werden. Und auch mit gutem Wirtschaftswachstum und einer niedrigen Arbeitslosenquote können die Schweden derzeit auftrumpfen.

 

Alles Paletti also da oben, wo Mensch und Elch und Mann und Frau in Harmonie noch aufeinander treffen? Die Journalisten Agnes Bührig und Alexander Budde haben viele Jahre im Norden Europas gelebt und gearbeitet. Ihre Erfahrungen mit Land und Leuten haben sie nun in ein Buch einfließen lassen, das mit Humor und Esprit zu einem Streifzug durch kulturelle Szenen, Landschaften und Medien sowie gesellschaftliche Themenfelder einlädt. Dabei gibt es vieles zu entdecken, was einer deutschen Sehnsucht nach Elchen, Bullerbü-Welten und Ikea-Idyllen leicht mal entgeht.

 

So lenken die Autoren etwa Blicke auch auf eine rechtextreme Szene und die Schattenseiten, die der Wunsch nach einer „offenen Gesellschaft“ in Schweden hervorkehrt. Im Jahr 1766 verabschiedete Schweden – als erstes Land der Welt – ein Pressegesetz, das heute noch gültig ist. Mit diesem Gesetz fand ein Gebot der „Öffentlichkeit“ in der schwedischen Verfassung eine tiefe Verankerung, und wer sich heute bei unseren Nachbarn Einsicht in behördliche Dokumente oder Verwaltungsvorgänge verschaffen möchte, kann dabei auf ein weit reichendes Bürgerrecht pochen. Paradiesische Zustände für Journalisten, möchte man meinen. Mittlerweile aber versteht es auch der Rechtextremismus sehr gut, Transparenzen dieser Art für sich zu nutzen. Für blankes Entsetzen sorgten etwa unlängst „Todeslisten“, die von Neonazis im Internet veröffentlicht wurden, um gegen engagierte Gegner zu hetzen: Offenbar gab es wenig Probleme, sich die Fotos der dort ins Fadenkreuz gestellten Leute einfach bei der Passstelle der Polizei zu besorgen.   

 

Schatten geworfen auf das Ideal einer gesellschaftlichen Offenheit haben aber natürlich vor allem die Morde an Ministerpräsident Olof Palme (1986) und Außenministerin Anna Lindh (2003), zwei Lichtgestalten einer politischen Kultur Schwedens, die im Ausland nicht nur bewundert wird – sondern auch Verwunderungen schafft. Wie kommt es eigentlich, dass im größten Gedränge der Stockholmer City hier und da immer wieder auch hochrangige Politiker zu sichten sind, die zwar mit Einkaufslaune unterwegs sind, aber ohne Personenschutz? Agnes Bührig und Alexander Budde gehen den Dingen nach und entwerfen dabei ein spannungsreiches Portrait eines Landes, in dem auch viele prominente Stimmen zu Wort kommen.

 

Wie etwa die schwedische Abgeordnete Monica Sahlin, die sich nicht nehmen lassen möchte, auch weiterhin mit der U-Bahn zum Dienst zu fahren und nach Feierabend das Großstadtleben  auszukosten – ohne Leibwächter an der eigenen Seite. „Nicht wir Politiker sind anders hier, die politische Kultur ist eine andere“, so erklärt sie. „Die schwedischen Parteien sind nach wie vor tief im Volk verwurzelt, und unsere Politiker sind oft ganz normale Leute. Sie würden niemals darauf verzichten wollen, Mutter oder Vater zu sein, auf dem Markt einzukaufen oder ins Kino zu gehen. Wir sind nicht so naiv zu glauben, es gäbe keine Terrorristen, Rassisten, Neonazis oder Psychopathen. Aber Politik ist für uns nicht anders lebbar.“ Ein Trugbild nur, wie der Schriftsteller Per Olov Enquist behauptet, der hier von einer „großen Lebenslüge meiner Landsleute“ spricht?

 

In Schweden mag vieles ganz anders sein. Dennoch gibt es auch einiges, was Deutschland mit diesem Land auf der anderen Seite der Ostsee verbindet: Integrationsfragen und Bildungsdebatten, "Ehrenmorde" und Probleme mit den Staatsfinanzen, die in Schweden bereits zu Beginn der 1990er Jahre angegangen wurden. Blühender Wohlfahrtstaat? Nun ja. Wer heute auf das Gesundheitswesen in Schweden angewiesen ist, muss sich mit den Folgen einer Sparpolitik vertraut machen, die vieles kahl geschlagen hat. „Wer die lange Warteschlange überlebt, wird ausgezeichnet behandelt!“ – so könnte man die Situation im Gesundheitswesen etwas zugespitzt charakterisieren. 

 

Agnes Bührig und Alexander Budde gelingt es, Themen und Schauplätze, Kurzportraits von Leuten und lange Wege in der Geschichte auf intelligente Weise miteinander zu verknüpfen. Dabei werden auch jene Leser gut bedient, die mehr am kulturellen Leben der Nachbarn ein Interesse haben: Am jungen schwedischen Film zum Beispiel, der in Trollhättan nördlich Göteborgs mittlerweile ein produktionsstarkes Zentrum gegründet hat –ein eigenes „Trollywood“ eben. Ins Bild geholt werden aber auch Autoren wie Jonas Hassen Khemiri, Mikael Niemi oder Torbjörn Flygt, allesamt Vertreter einer jüngeren Literatengeneration und abseits vom Krimigenre unterwegs. Mit auch in Deutschland schon sehr erfolgreichen Romanen, in denen es um jede Menge Crossover geht – zwischen Kulturen, sozialen Milieus und Uhren, die außerhalb der städtischen Ballungszentren mitunter ganz anders ticken. 

 

Ja, und der Elch? Alexander Buddes und Agnes Bührigs „Nachbarschaftskunde“ scheint gerade zur rechten Zeit zu erschienen – jetzt, wo in der Mark Brandenburg Elche gesichtet wurden. Während die deutschen Medien jubeln, zeigt sich die große schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“ schon gleich besorgt: „BERLIN. Der Elch kehrt nach mehreren hundert Jahren nach Deutschland zurück. Vielleicht, um diesmal zu bleiben. In dem Fall würde er eine Bedrohung für die Touristikbranche in Schweden darstellen.“

 

Nun ja, zu empfehlen wäre hier eine Lektüre, die Alternativen für Urlauber und Langzeitgäste im nördlichen Nachbarland aufzeigt. Alternativen zum deutschen Kult – um Kühe, Kommissare und Naturkulissen in Schweden.  

 

Fotos: 

1. Guldfisken via flickr.com

2. Buchcover, Christoph Links Verlag

3. "Turning Tower in Malmo", Kevin Hoogheem via flickr.com