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Das Leiden des alten Werthers

In seinem Roman „Ein liebender Mann“ spielt Martin Walser mit Augenblicken der Verliebtheit.

Von: Regine Jander

vom 29.07.08

Der 73-jährige Kurgast und Nationalautor der Deutschen J. W. Goethe verliebt sich 1823 in Marienbad in die 19-jährige Ulrike von Levetzow und provoziert damit seine Umwelt, die Familie, besonders sein „Söhnchen“ August und dessen Frau Ottilie. Gerade sie, die besitzergreifende, eifersüchtige Schwiegertochter, die „seine Gefühle für Ulrike von Levetzow schon vor zwei Jahren gewittert hatte“, darf von seinen Rechenspielen nichts wissen. Die lauten so: „Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohnes August, 34, und seiner Ottilie, 27...“.

Aber es gibt auch Äußerungen von IHM und Ulrike, in Gesprächen, beim Kostümfest oder beim Spazierengehen, die wie SMS-Botschaften anmuten und erahnen lassen: Martin Walser geht es um die Eigensinnigkeit einer Liebesbeziehung, die sich ihre Sprache zur Not auch selbst erfindet: KvdOoM, Dsdg oder Swswnn, Ab bzw. swsw – der Sinn dieser Mitteilungen lässt sich nur aus ihren Kontexten selbst erschließen .

Wer also neugierig ist, greife zu dem Roman, der die Begehrlichkeiten eines liebeskranken Mannes zeigt, der ähnlich wie der junge Werther leidet, aber auch zu bemerkenswerten Einsichten gelangt, wie etwa:

„Einige Naturen erleben eine wiederholte Pubertät, während andere nur einmal jung sind. Das ist kein Künstlerprivileg. Es ist ein Geschenk der Natur. Es will erworben sein durch Arbeit. Diese Arbeit ist moralfrei. Wie Muskulatur, Augenkraft, Gehör, Stimme, Herzklopfen, Hufeland nennt’s Lebensqualität...“.

Während Walser die Augenblicke der Verliebtheit in den verschiedenen Begegnungen und in den späteren Briefen einerseits mit Einfühlungsvermögen, andererseits aber auch mit ironischem Augenzwinkern schildert, setzt er aber auch zu einer pädagogischen Unterweisung an, mit der er eigentlich Leser und Leserinnen gleichermaßen amüsiert wie provoziert. Das liest sich dann etwa so:

„Die Frauen sind das Geschlecht der Sachlichkeit. Ein Mann erlebt alles nur als Stimmung. Als seine Stimmung. Die Frau erlebt immer die Sache. Die Sache selbst. Sie geht dann mit der Sache um, über die sie ein Urteil hat. Das Urteil ist mehr von der Sache bestimmt als von ihr. Das macht ihre Sachlichkeit aus. Der Mann urteilt, wie ihm gerade zumute ist. Sein Urteil hat weniger mit der Sache zu tun als mit ihm selbst. Wenn die Welt weltgerechter verwaltet werden soll, muss sie von Frauen verwaltet werden. Wann wird das sein? Die Männer gehören in den Sandkasten und an den grünen Tisch. Die Frauen ans Ruder...“.

Ein „unvorgreiflicher Vorschlag“ für die Beziehungen der Geschlechter – wie es Martin Walser nennen würde? Vorschläge bzw. Auffassungen dieser Art bietet das Buch viele, „vorwegnehmen“ aber sollen sie vermeintlich gar nichts:

„Nichts macht so arm wie eine Liebe, die nicht glückt.“
„Lieben darfst du noch, du musst dich nur daran gewöhnen, nicht mehr geliebt zu werden.“
„Das Etwas, das nichts ist und nichts wird, das, je länger es nichts ist, immer, immer wichtiger wird, bis es zum Wichtigsten, Allerwichtigsten, bis zum Einzigen wird, dich ausfüllt, bestimmt, beseligt, hinaufwirft in jede Höhe, nur dass der Sturz um so gemeiner ist.“

Das sind Sentenzen, mit denen Walser ganz offenbar seine Alters- und Lebenserfahrungen auf den verehrten Altmeister projiziert, den er sowohl mit der Marienbader Elegie als auch mit anderen Versen zitiert. Dabei fällt auf, dass der Autor gerne auch mit den Worten zu spielen beginnt, wenn etwa beschrieben wird, wie Ulrike und Exzellenz mit einander parlieren, wie ihre Blicke ineinander tauchen, oder wie sich die beiden auf einander zu bewegen – „wie zwei Wesen, die auch nicht wissen, in welcher Sprache sie mit einander sprechen sollen.“

Das Ganze kulminiert dann später in einem Alptraum des liebenden Alten: „...du hast das nicht zugeben können, sie liegen neben einander, auf einander, über einander, unter einander, durch einander, in einander, ja in einander liegen sie jetzt, in allerhöchster Liebeswut...“.

Die Abweichung von der Rechtschreibnorm ist hier natürlich ganz bewusst gesucht: Wer wie Martin Walser die Form genau kennt, mag nach Belieben mit ihr spielen.

Und wer noch mehr über den alten Werther und seine Gefährten, wie Amalie von Levetzow, Ulrikes Mutter, den Grafen Sternberg, Dr. Rehbein, Herzog Carl August, Humboldt, Zelter und den „veloziferischen“ Rivalen Herrn de Ror, wissen möchte, der widme ein paar Lesestunden – ob im Urlaub oder zur unterhaltsamen Entspannung – dem „Liebenden Mann“.

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Bildnachweise:

1. Buchcover, Rowohlt Verlag.
2. Anonymes Pastellgemälde (1821): Ulrike von Levetzow (via wikipedia).
3. Joseph Karl Stieler (1828): J. W. von Goethe in seinem 70. Lebensjahr (via wikipedia).