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Das Mädchen mit den neun Perücken

In Sophie van der Staps erstem Buch "Heute bin ich blond" geht es um Stella, Sue, Bébé, Lydia, Oema, Platina, Pam, Daisy und Blondie - neun Facetten einer Persönlichkeit. Und alle sind sie Teil von Sophie.

Sophie van der Stap ist zweiundzwanzig Jahre alt und studiert in Amsterdam Politologie, als sie die Diagnose Krebs bekommt. Ein Schock, der ihr den Boden unter den Füßen wegzieht. Wer ihre Autobiographie jedoch mit dem Stempel „Betroffenheitsliteratur“ versehen will, liegt falsch. Sophies Buch ist ein Plädoyer für Lebensfreude, trotz oder sogar gerade wegen der Krankheit. Sie beschreibt schonungslos ehrlich das Gefühlskarussell aus Angst, Trotz, Wut und Glück, das sie während der eineinhalb Jahre durchlebt.

Bevor Sophie durch die Chemotherapie ihre Haare verliert, lässt sie sich von einem Freund fotografieren - mit erhobenem Mittelfinger. Sie sagt dem Krebs den Kampf an. Als sie ihre Haare verloren hat, kauft Sophie ihre erste Perücke und gibt ihr den Namen Stella. Ein „Muttchenkopf“, unter dem sie sich selbst nicht wiedererkennt. In den folgenden Monaten kommen noch acht weitere Perücken dazu. Sie geben Sophie Sicherheit, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, und mit jedem Haarschopf kann Sophie eine andere Facette ihrer selbst ausleben: Die rothaarige Oema erregt Aufsehen im Nachtleben, die Männer drehen sich nach ihr um, ohne dass sie etwas dafür tun muss. Ganz anders Daisy: Sie will gefallen, schüttelt ihre blonden Locken und lacht laut über jeden Witz. Stella ist unsicher und einsam, zieht sich zurück. Jeder der Charaktere lebt in unterschiedlichen Welten und entwickelt einen eigenen Geschmack.  Sophie selbst tritt einen Schritt zurück und erkennt sich selbst in jeder dieser Frauen. Sie helfen ihr, ihr Leben weiterführen zu können. Ein Leben, in dem sie lacht, ausgeht, flirtet, aber auch weint und mit ihrem Schicksal hadert. Ihr Rollenspiel ist keine Flucht, vielmehr ist es eine Suche nach sich selbst, nach dem, was zählt.

Der Spagat, den sie zu bewältigen hat, ist groß: Endlose Nächte im Krankenhaus, einzig in der Begleitung ihres „ langen Freundes“, der Infusionspumpe, deren Geräusch sie überallhin begleitet, andererseits aber auch das bewusste Bemühen, sich nicht in der Krankheit zu verlieren und Prioritäten aufrecht zu erhalten, die Menschen mit 22 Jahren haben: Freundschaften zu pflegen, zu tanzen und zu lieben. Und selbst in der Liebe verknüpfen sich die beiden Pole, zwischen denen sie pendelt: Sophie verliebt sich in Doktor K., einen ihrer behandelnden Ärzte. Seinetwegen trägt sie auf dem Krankenhausflur zwischen den einzelnen Untersuchungen ihre schönsten T-Shirts. Dass sie sich auf der Intensivstation die Fußnägel feuerrot lackiert, ist keine Form der Verdrängung, sondern eine trotzige Lebensbejahung.

Auch die Sprache dieses Buches ist besonders. Selbst wenn die Themen schwer sind, verliert Sophie van der Stap nie ihren Wortwitz und ihre Leichtigkeit. Ihre Selbstironie hilft ihr auch, mit Reaktionen ihrer Umwelt umzugehen: Dem Entsetzen der Verkäuferin, als sie mit verrutschter Perücke aus der Umkleidekabine tritt, oder die Hilflosigkeit eines Liebhabers, der mit den Zeichen des Krebses auf ihrem Körper nicht umgehen kann. Sophie behält ihren Galgenhumor und gewinnt jeder Szene noch eine Pointe ab.

Heute ist Sophie 25 Jahre alt und gilt als geheilt. Ihr Körper hat den Kampf gegen die Krebszellen gewonnen.

Das Erscheinen ihres Buches und der Besuch in zahlreichen Fernsehshows haben sie in ihrem Heimatland Holland bekannt gemacht, und auch in Deutschland hat sie es auf die Bestsellerlisten geschafft. Ihr Buch bleibt im Gedächtnis, und weitere werden folgen: In diesem Monat erscheint ihr zweites Buch auf Niederländisch.

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Anne Leichtfuß ist Buchhändlerin und somit leidenschaftlich mit allem verbandelt, was Bücher angeht. Derzeit befindet sie sich im Studium zur Online-Redakteurin in Köln.

 

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