CD des Monats

Das neueste Werk der Grande Dame des Pops

Marianne Faithfull -"Horses And High Heels"

Marianne Faithfulls Biographie ist popkulturelles Allgemeingut. Die Musik der 64-jährigen ist so untrennbar mit ihrer Lebensgeschichte verbunden, dass es schier unmöglich ist, einen ihrer Songs zu hören, ohne ihre aristokratische Herkunft, ihr wildes Leben in den Sechzigern, ihre frühe Karriere mit Hits wie „As Tears Go By“, ihre Liebschaft mit Mick Jagger, ihre Heroinsucht, ihren dramatischen Absturz inklusive Obdachlosigkeit, das heroische Comeback mit dem Album „Broken English“, ihre Krankheiten, Filme, Theaterauftritte, Brecht/Weill-Interpretationen etc. pp. im Hinterkopf zu haben.

 

Ihr neuestes Werk: ein Ereignis

 

Das rührt unter anderem auch daher, dass Faithfull sehr regelmäßig neue Platten veröffentlicht, zu denen regelmäßig Rezensionen erscheinen, in denen regelmäßig ihr Lebenslauf wiederholt wird. Dennoch wird man nie müde, der Grande Dame des Pop zuzuhören, weil ihre Stimme so sagenhaft verlebt, vernarbt, kaputt und weise ist, dass sie auch dem schlichtesten Song, dem unbedarftesten Text eine gehörige Portion einhaucht. Und deshalb ist auch ihr neuestes Werk „Horses And High Heels“ wieder ein Ereignis, mindestens wie das letzte Album von 2008, „Easy Come, Easy Go“.

 

Seit Jahren arbeitet Faithfull mit dem Produzenten Hal Willner zusammen, der ihren heiseren Sprechgesang ins Zentrum stellt und die Musik unauffällig drumherum arrangiert. Berühmte Freunde wie Lou Reed, Dr. John und Wayne Kramer dürfen Gitarre spielen, sich aber nicht zu sehr in den Vordergrund drängen.

 

Die späten 1960'er- und frühen '70'er-Jahre dominieren

 

Das ist auch auf „Horses And High Heels“ (bemerkenswert grässliches Cover übrigens) so, auf dem Faithfull wieder hauptsächlich Songs anderer Künstler wie Elton John („Love Song“) interpretiert, vier Stücke hat sie gemeinsam mit Doug Pettibone geschrieben. Ohne explizit nostalgisch sein zu wollen, dominieren auf „Horses And High Heels“ musikalisch die späten 1960'er- und frühen '70'er-Jahre: erdiger Bluesrock, hippieeske Folkeinsprengsel in Form von verspielten Gitarrensoli, ein wenig Country, dazu zurückhaltend instrumentierte Balladen.

 

Das geht völlig in Ordnung, schließlich ist Marianne Faithfull eine Ikone der Sixties, wenn auch ihre wichtigste Platte „Broken English“ von 1979 stammt. Faithfull ist in der luxuriösen Lage, das machen zu können, was sie wirklich will – sie streift auf ihren „Vagabond Ways“ (so der Titel ihres Albums aus dem Jahr 1999) durch die Jahrzehnte und wirkt nie altmodisch, weil sie schon als junge Frau so klang, als hätte sie alles schon gesehen, alles schon erlebt. As Tears Go By.

 

Anders als auf ihren letzten Platten gibt es auf „Horses And High Heels“ keine Auftritte von GastsängerInnen wie Antony Hegarty, Cat Power oder Rufus Wainwright. „Horses And High Heels“ ist Faithfull in Reinform, obwohl die meisten Songs von anderen, von Männern zudem, komponiert wurden.

 

Für die stärksten Momente sorgen die Eigenkompositionen

 

Es klingt banal, aber es ist so: Marianne Faithfull macht jedes Lied zu ihrem eigenen. Und so kann man sich Greg Dullis Ballade „The Stations“ nicht anders als in Faithfulls düsterer Darbietung vorstellen, dito Allen Toussaints Schnulze „Back In Baby´s Arms“, selbst den recht müden Country-Blues-Stomper „No Reason“ von Jackie Lomax füllt sie noch mit Bedeutung. Und doch sorgen Faithfulls Eigenkompositionen wie der Titelsong oder „Why Did We Have To Part“ für die stärksten Momente - vielleicht weil Faithfull doch selbst am besten weiß, wie man sich als Überlebende einer Biographie wie der ihrigen fühlt.

 

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend schreibt sie für das Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. 

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