Wissenswertes

Das Problem ist nicht nur privat

Terre des Femmes will mit "Business gegen Gewalt" auch Arbeitgeber sensibilisieren.

Ihre blauen Flecke versuchte Valentina Koch (Name geändert), so gut es ging, zu verbergen. Beim Skaten sei sie hingefallen, erklärte die junge Frau ihren Kollegen. Immer öfter meldete sie sich krank – denn als Bankangestellte konnte sie nicht mit Verletzungen im Gesicht hinter dem Schalter stehen.

Und zu der Furcht vor ihrem prügelnden Ehemann kam die Angst, ihren Job zu verlieren. Ihre vielen Fehlzeiten, ihre mangelnde Konzentration und die zahlreichen Fehler fielen schließlich auf. Die junge Frau wurde zu ihrer Vorgesetzten zitiert.

Valentina Koch ist kein Einzelfall: Laut einer Studie des Bundesministeriums für Frauen ist jede vierte Frau in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt. Die Frauen fallen im Erwerbsleben aus, es fallen Krankenhauskosten oder gar Polizeieinsätze an. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes hat nun ein Projekt gestartet, das Unternehmen für diese Problematik sensibilisieren soll: „Business gegen häusliche Gewalt“.

Das Projekt zielt nicht nur auf die Nächstenliebe der Unternehmen hin, sondern auf den wirtschaftlichen Schaden, der durch Gewalt in der Beziehung entsteht: Repräsentative Studien aus den USA haben ergeben, dass ein Viertel aller Arbeitsausfälle von Arbeitnehmerinnen auf Gewalt in der Beziehung zurückzuführen sind. Das niedersächsische Sozialministerium hat ausgerechnet, dass der deutschen Wirtschaft dadurch im Jahr Einbußen von knapp 15 Milliarden Euro entstehen. Und damit ist Gewalt in der Ehe oder Partnerschaft eindeutig kein rein privates Problem mehr. „Die Unternehmen tun gut daran, sich des Problems anzunehmen, denn die Kosten tragen wir alle“, meint Serap Altinisik, Leiterin des Referats Häusliche Gewalt bei Terre des Femmes.

Aber wie sollen Unternehmen Gewalt in der Beziehung vorbeugen? 

„In Australien und den USA läuft das Projekt schon sehr gut. Dort haben Unternehmen eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnet“, erklärt Altinisik. In Großbritannien haben sich unter anderem schon The Body Shop, British Telecom und Vodafone der Initiative angeschlossen. Diese Unternehmen bieten Fortbildungen für Mitarbeiter an, organisieren Infoveranstaltungen, veröffentlichen Hilfsadressen auf den Lohnabrechnungen und machen Gewalt zum Thema in den firmeninternen Publikationen. In Deutschland haben von den größeren Firmen bislang die Deutsche Telekom, Deichmann und der dm Drogeriemarkt erklärt, dass sie sich an „Business gegen häusliche Gewalt“ beteiligen wollen. Damit dies keine bloßen Lippenbekenntnisse sind, die zu PR-Zwecken missbraucht werden, möchte die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes mit einer Evaluation prüfen – und Zertifikate vergeben.

Am Ende zählt vor allem, den betroffenen Arbeitnehmerinnen Mut zu machen, ihr Schweigen zu brechen. Denn die Betroffenen, zu denen immerhin auch zehn Prozent Männer zählen, schämen sich. Vom eigenen Partner geprügelt und gedemütigt zu werden, wehrlos zu sein – das passiert doch keiner gut ausgebildeten, selbstbewussten Frau, die mitten im Berufsleben steht, vielleicht sogar Karriere macht.

Valentina Koch jedenfalls hat sich geschämt. Erst als sie zum Gespräch mit ihrer Vorgesetzten zitiert wurde, hat sie ihr Schweigen gebrochen. Statt einer Abmahnung bekam die Bankangestellte Unterstützung. Mittlerweile ist die junge Frau geschieden – und statt der Gewaltbeziehung steht nun ihre Karriere im Mittelpunkt ihres Lebens.

Mehr Informationen finden Sie unter www.frauenrechte.de. Gleichstellungsbeauftragte von Unternehmen können von dieser Seite alle Unterlagen zum Projekt herunterladen.