Reizthema

Das schwache Geschlecht

Der Mann hat ein X zu wenig und es deshalb nicht leicht. Ein Gespräch mit dem Hirnforscher Gerald Hüther über schwächelnde Jungs und die unan- genehmen Folgen für ihr Leben – als Mann

Herr Professor, die notwendige Ausgangsfrage lautet: Bestehen tatsächlich Unterschiede von männlichem und weiblichem Gehirn, und wenn ja, worin genau?
Das männliche Hirn unterscheidet sich vom weiblichen nicht nur durch die Strukturen, die Vernetzung beziehungsweise durch die Größe von verschiedenen Hirnregionen, sondern vor allem in der Funktion. Die ersten Weichen für die Herausbildung dieser Unterschiede werden bereits im Mutterleib gestellt.

Den Jungs fehlt ein zweites X-Chromosom.
Das weibliche Geschlecht hat zwei X-Chromosomen, das männliche hat ein X und ein Y. Auf diesem X-Chromosom steht sehr viel drauf. Wenn bestimmte Gensequenzen dort nicht optimal sind, können die embryonalen Zellen nicht auf ein – gewissermaßen – »Reserverad« zurückgreifen, sondern müssen allein mit dem auskommen, was auf dem einen X steht. Und deshalb kommen die Jungs konstitutionell schwächer auf die Welt.

Tatsächlich.
Jungs sterben ja auch vor der Geburt leichter ab, das wissen alle Hebammen. Ein konkretes Beispiel, das diese konstitutionelle Schwäche der Jungs beweist, sind die Beobachtungen, die man nach der Wende in der ehemaligen DDR gemacht hat. Da hat man sehr genau die Geburtenraten, Männlein und Weiblein, statistisch erfasst, und es ist deutlich geworden, dass in den ersten zwei, drei Jahren nach der Wende signifikant weniger Jungs geboren wurden als Mädchen. Das heißt, eine ganze Reihe von Jungs hat gewissermaßen die Wendewirren vorgeburtlich nicht überlebt. Offenbar deshalb, weil die Frauen in dieser Zeit psychisch stärker belastet wurden, was wiederum keine optimalen Bedingungen für die männlichen Embryonen bedeutete.

Aus dem fehlenden Chromosom und dem embryonalen Schwächeln der Männer resultiert dann Ihre These, dass die Jungs das eigentliche »schwache Geschlecht« sind. Nicht die Mädchen, wie das gemeinhin immer behauptet wird.
Genau. Auf dem Y-Chromosom steht so gut wie nichts, was für die körperlichen Merkmale erforderlich wäre. Die dort befindlichen Gene sorgen dafür, dass die bereits embryonal entwickelten weiblichen Geschlechtsorgane umgewandelt, »eingeschmolzen« werden und dann stattdessen an anderer Stelle Hoden wachsen, die wiederum das Testosteron produzieren. Das führt dazu, dass die Hirnentwicklung bei den Jungs anders verläuft als bei den Mädchen. 

Um ein Bild zu benutzen: Jungs und Mädchen haben zwar die gleiche Orchesterbesetzung, aber bei den Jungs rücken die Pauken und Trompeten durch die vorgeburtliche Entwicklung weiter nach vorn, die harmonischen Instrumente hingegen weiter nach hinten. Und so machen sich die Jungs konstitutionell schwächer, aber mit stärkerem Antrieb auf ins Leben.

Das heißt, es besteht von Anfang an ein signifikanter Unterschied zwischen Männern und Frauen. Es wird ja gern behauptet, dieser Unterschied sei nur durch gesellschaftlich geprägte Geschlechterverhältnisse künstlich erzeugt.
Es wäre absurd, davon auszugehen, dass Männer und Frauen gleich sind. Ihr Körper ist unterschiedlich und ihr Gehirn deshalb auch.

Wie konnte es zu dieser Fehlannahme kommen?
Der einfachste Grund ist: Wenn man Produkte verkaufen will und sie beiden Geschlechtern gleichzeitig verkaufen kann, lässt sich doppelt soviel verdienen.

So einfach, so banal ökonomisch?
Ein Grund. Ein zweiter ist sicher, dass wir ein Schulsystem haben, in dem Gleichheit herrschen soll, in dem Mädchen und Jungen absolut gleich behandelt werden. Da bekäme man sofort wieder Angst, dass man sogleich Beschwerden am Hals hätte, nach dem Motto: Dazu haben wir nicht um die Gleichberechtigung gekämpft. Es gibt eine ganze Reihe von ökonomischen, kulturellen und sozialen Gründen, die versuchen, Geschlechter gleicher zu machen als sie sind.

Die Natur nutzt im Übrigen diesen Unterschied, diesen Trick, ein Geschlecht konstitutionell schwächer und mit mehr Antrieb auszustatten: Nämlich, um zu gewährleisten, dass sich ein Geschlecht stärker mit den veränderlichen Komponenten unseres Daseins beschäftigt, neue Lebenswelten erschließt, in Bereiche vordringt, in die man nur unter großer Gefahr für die bisherige Stabilität gelangen kann.

Deswegen sind also Männer eher bereit, ihr Leben zu riskieren, um neue Lebenswelten zu erschließen?
Wenn das nicht so wäre, wäre doch kein Mensch jemals auf den Mond geflogen. Was soll man denn da?

Abgesehen davon: Welche Folgen hat die schwächere Ausgangslage für den Mann noch?
Jungs suchen viel stärker im Außen nach Halt. Das kann man an kleinen Jungs besonders beobachten. Sie versuchen sich viel stärker im Raum zu orientieren, sie benutzen weit mehr als Mädchen die Hirnregionen – zum Beispiel den Hippocampus –, die dafür zuständig sind. Mit dem Ergebnis, dass diese Hirnregionen dann auch intensiver vernetzt werden. Eine Folge ist zum Beispiel, wie es immer so schön platt gesagt wird, dass Männer im Durchschnitt tatsächlich besser rückwärts einparken können als Frauen.

Und weil Jungs nach Halt suchen, deswegen »lehnen« sie sich auch frühzeitig an große Bagger, Feuerwehrautos oder Dinos an?
Sie suchen Halt, sie suchen nach starken Vorbildern, nach Geräten, die irgendwie Eindruck machen, und das beginnt eben damit, dass Jungs eine viel größere Affinität zu solch gewaltigen Geräten haben als Mädchen. Früher waren das Panzer, jetzt sind das eher Feuerwehr- oder Polizeiautos. Diese Dinge besitzen Stärke, die sich die Jungs wünschen. Die Schwäche macht kleine Jungs auch anfälliger für Angebote innerhalb der Familie oder später innerhalb der Gesellschaft, wie man Halt gewinnt.

Halt, Selbstbewusstsein, Stärke gewinnt man am besten durch Wichtigkeit. Indem man etwas darstellt. Kommt daher der Drang der Männer nach Bedeutung?
Genau deshalb streben die kleinen Jungs von Anfang an danach, eine besondere Beziehung zur Mama aufzubauen oder innerhalb der Familie aufzufallen. Deshalb gibt es in Jungsgruppen viel stärker diese Rangordnungskämpfe um Bedeutsamkeit. Jungs sind eben extrem anfällig für Angebote, wie man Bedeutung gewinnen könnte. Und an dieser Stelle wird dann deutlich, dass die Gesellschaft – wenn man es mal frech sagt – die Männer benutzt, in bestimmten Entwicklungsphasen bestimmte Aufgaben zu übernehmen. 

Wenn die Gesellschaft in einer Phase ist, in der sie zum Beispiel besonders viele Entdecker und Abenteuer braucht – während der Kolonialzeit etwa –, dann ist das auf einmal ein hochattraktives Angebot, mit dem Ergebnis, dass sehr viele Jungs diese Rolle übernehmen. Ähnlich geht das in anderen Phasen zu: Wenn die Gesellschaft meint, sie sei von außen bedroht, dann wird das Soldat-Sein hoch bewertet, und man erlangt als junger Mann eben Bedeutung als Soldat.

Der am besten noch einen Heldentod für Volk und Vaterland stirbt …
Ganz richtig. Oder in der Epoche, in der es um Wissenschaft und Forschung ging, also die Phase, die wir gerade hinter uns haben, war es für die Jungs bedeutsam, Wissenschaftler oder Ingenieur zu werden, und dann wurden diese Stellen besonders gern von Jungs besetzt.

Ingenieur werden ist ja jetzt nicht mehr so sexy, so bedeutsam, und es können auch nicht alle Ingenieur werden.
Weil es in diesem Wettrennen um Bedeutsamkeit auch viele Verlierer gibt, sind Männer das extremere Geschlecht. Zwar sind die meisten Nobelpreisträger Männer, aber eben auch die meisten Kriminellen, Abgestürzten, sozial Gescheiterten. Abgesehen davon, haben wir das Industriezeitalter hinter uns, in dem es darauf ankam, Wissenschaft und Technik zu entwickeln. Dass ein Junge heute Techniker werden will, ist in der Tat nichts Großartiges mehr. 

Die Gesellschaft weiß selbst nicht, wo sie eigentlich hin will, es gibt keine gemeinsamen Zielvorstellungen, keine eigentlichen Herausforderungen. Mit dem Ergebnis, dass wir den Jungs auch keine Orientierung mehr anbieten können. Und dann orientieren sich die Jungs auf ihrer Suche nach Bedeutsamkeit eben an dem, was ihnen unter die Hände oder vor die Augen kommt – an Entertainern, Fernsehstars, Schauspielern, Fußballern oder irgendwelchen anderen Leistungssportlern. Oder die Helden aus Computerspielen werden zu Vorbildern, ganz einfach.

Warum ist das so schwierig, Vorbilder zu finden?
Das hängt damit zusammen, dass den Männern nicht nur die gesellschaftlichen Rollen abhanden gekommen sind, sondern auch damit, dass die erwachsenen Männer heute in vielen Fällen einfach nicht da, weil beruflich zu stark verpflichtet sind. Und so viele Jungs wachsen inzwischen in gescheiterten Partnerschaften auf. Und noch etwas anderes: Unser ganzes Erziehungssystem ist übermächtig von Frauen besetzt. Manch Junge hat bis zum Ende der Grundschule noch nie eine männliche Bezugsperson erlebt.

Die Suche nach »männlicher Identität« ist nun auch nicht gerade en vogue, weibliche Identitätssuche wird allenthalben praktiziert und reflektiert, aber »männliche Identität«? Klingt doch irgendwie nach anonymen Alkoholikern.
Ist ja auch verständlich. Die meisten Rollen, die Männer in der Vergangenheit übernommen und gespielt haben oder die ihnen in der Gesellschaft zur Verfügung gestellt worden sind, waren ja auch unrühmlich, und davon hatte man ja erst mal genug.

Das sorgende, entscheidungswillige, mutige, starke Mannsbild – das muss man doch nicht zwangsläufig mit einem autoritären 50er-Jahre-Hausherrn in einen Zusammenhang bringen. Da sollte man aber sehr genau schauen, was zu dem alten Rollenverständnis gehört. Mit diesen alten männlichen Rollen will sich heute keiner mehr identifizieren, das Problem ist: Wir haben keine neuen Rollen. Wenn Sie mich fragen, wie eine neue Identität aussehen könnte – das hört sich vielleicht ein bisschen lächerlich an –, aber das ist eigentlich beschrieben in der Person von Jesus Christus. Der ist eigentlich der erste moderne Mann.

Oh.
Der hat eine Identität. Der hat eine Kraft, die er benutzt, um das zu sein, was man im modernen Unternehmertum »Supportive Leadership« nennt. Also jemand, der seine Kraft benutzt, um anderen zu helfen, ihre Potenziale zu entfalten. Es geht ja in Zukunft um diesen kulturellen Transformationsprozess: Die bisherige Wettbewerbsgesellschaft muss in eine kooperative, verantwortungsbewusste Gesellschaft umgewandelt werden. Das ist die attraktivste und innovativste Aufgabe für den Mann.

Da werden sich all die emanzipierten Frauen und Männer, ganz zu schweigen von allen Feministinnen, aber bedanken: Schon wieder soll der Mann das Ruder übernehmen.
Ich weiß. Es geht aber darum, dass wir das fertig bringen, was jetzt ansteht: Dass sich Männer um diejenigen kümmern, die ihre Hilfe brauchen. Männer und Frauen aufeinander zu hetzen, macht doch keinen Sinn. Wenn man den Bogen weit genug spannt, könnte man sagen, dass sich beide Geschlechter aus einem biologischen Dilemma heraus entwickelt haben:

Jede biologische Lebensform muss ja einerseits dafür sorgen, dass sie stabil bleibt, und andererseits, dass sie sich immer wieder ändert, weil sich die Umwelt, die Umstände ändern. Das hat die Natur durch die »Erfindung« der beiden Geschlechter gelöst. Das Weibliche ist eher für Stabilität zuständig. Ähnlich wie bei einem Fußballspieler, der ein Standbein hat. Und das männliche Geschlecht ist mit der Fähigkeit ausgestattet, variabel zu sein, Neues auszuprobieren, um damit eventuell Bedeutung zu erlangen.

Er ist das Spielbein.
Immer dann, wenn es um die Erschließung neuer Lebensräume, um die Eröffnung neuer Möglichkeiten ging, traten deshalb die Männer in Erscheinung, und- nebenbei bemerkt- die Frauen griffen sich dabei natürlich auch immer diejenigen heraus, die dabei am erfolgreichsten waren. Wäre ja auch ungünstig, wenn der Mann für die Eröffnung neuer Möglichkeiten nicht zuständig sein sollte, was bliebe ihm dann noch: Für die Arterhaltung werden ja so viele Männer gar nicht gebraucht. Mit dem Samenerguss eines Mannes ließe sich die gesamte weibliche Bevölkerung von Nordamerika zweimal befruchten.

Wenn man ihn also rein auf seinen biologischen Auftrag reduzieren würde, wären nur noch einige wenige männliche Exemplare nötig – gewissermaßen als Zuchtbullen.
Da kriegt man eine Vorstellung davon, wie überflüssig die meisten Männer sind. Die Natur braucht uns nicht für die Fortpflanzung. Sie braucht uns für die Exploration von Lebensräumen, für die Suche nach neuen Lösungen für ein gelingendes Zusammenleben, und dazu muss man sich selbst und das, was man bisher betrieben hat, immer wieder infrage stellen.
Vor allem als Mann. 

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Prof. Gerald Hüther, Jahrgang 1951, ist Neurobiologe und Hirnforscher. Er studierte Biologie in Leipzig und befasste sich später am Max-Planck- Institut für experimentelle Medizin in Göttingen mit Hirnentwicklungsstörungen. 1988 habilitierte er im Fachbereich Medizin an der Universität Göttingen. Heute leitet er die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Heidelberg und beschäftigt sich unter anderem mit Auswirkungen von Angst und Stress auf das Hirn und mit der Evolution des Bewusstseins. 

Im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschien im vergangenen Jahr sein Buch »Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn«.

 

Andreas Lehmann arbeitet als Redakteur beim „Magazin“ und hat gerade sein Buch "Heiraten ist gut gegen Depressionen. Und was amerikanische Wissenschaftler noch herausfanden" veröffentlicht. 

 

Der vorliegende Text erschien zuerst im „Magazin“-Heft 2/2010, das noch viele andere lesenswerte Beiträge zum Thema „Der X-Faktor“– enthält und mit einem Klick hier zu finden (und auch noch zu bestellen) ist.


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