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"Das Siebentagegebet"

Der Debütroman der türkischen Autorin Zerrin Soysal wurde von einem besonderen Verlag herausgegeben.

Die Mutter stirbt in Istanbul und die drei erwachsenen Töchter - eine lebt inzwischen in Deutschland, die zweite weit außerhalb von Istanbul auf dem Land, die dritte in der Metropole - finden sich nur aus Pflichtgefühl in deren Wohnung ein. Sie treffen sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, um mit den Nachbarinnen der Verstorbenen die unter Moslems übliche Siebentagegebete zu sprechen. Und um sich um das Erbe zu kümmern. Das Gespräch der Schwestern entwickelt sich zur Abrechnung mit der Mutter, denn sie hat die Familie eines Tages ohne ein Wort der Erklärung verlassen.

 

Knapp und elegant geschrieben

 

Das klingt auf Anhieb nicht sonderlich spannend. Auseinandersetzungen um die mütterliche Familie sind schließlich heute ein sehr beliebtes Romanthema, aber die türkische Erzählerin Zerrin Soysal, gelernte Apothekerin und heute Journalistin, liefert zwei Überraschungen:


Zum einen schreibt sie in diesem, ihrem ersten Roman, einen großartigen, sehr gekonnten Stil, so als ob sie schon Jahre lang geübt und sich selbst immer wieder scharf kritisiert hätte - knapp, ohne ein überflüssiges Beiwort, geradezu elegant. Zum zweiten ist ihre Geschichte sehr viel spannender und anrührend als die üblichen Rückblicke wütender Töchter.

 

Fremde Sitten, doch gleiche Gefühle

 

Das liegt natürlich auch daran, dass sich die Erziehungssitten der Türken sehr von unseren, den deutschen, unterscheiden - von der nach wie vor sehr üblichen Verlobung und Verheiratung der Mädchen mit Männern, die die Eltern aussuchen, bis zur immens starken Stellung der Mutter, wenn es um "richtiges" Benehmen geht. Aber so fremd manche dieser Sitten der deutschen Leserin sein mögen, die Gefühle von Hass, Einsamkeit und Aufbegehren, die ungestillte Sehnsucht nach mehr Liebe, die heftig verteidigte Anpassung an Verhältnisse, die nur schwer zu ändern wären, sind in der ganzen Welt dieselben. Und diese schildert Zerrin Soysal nicht nur mit großem Können, sondern mit großem Einfühlungsvermögen. Ganz ohne Rührseligkeit.

 

Bemerkenswerter kleiner Verlag

"Das Siebentagegebet" kommt aus dem winzigen Berliner Verlag binooki, der sich auf türkische Autoren konzentriert. Wenn es in der Welt der Bücher einigermaßen gerecht zugeht (was es leider nur selten tut), müsste dieser großartige, kleine Roman ein Bestseller werden. Er hat es wirklich verdient, denn er wird keinen Leser enttäuschen.

 

Die zwei Berlinerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye gingen mit ihrem Verlag Binooki an den Start, um türkische Literatur in deutscher Sprache zu publizieren - und das möglichst klischeefrei. Ihr Experiment ist gelungen und ihr Verlag mehrfach preisgekrönt sowie auf dem Erfolgsweg.