Wissenswertes

Das Leben von Harold und Erica

Das Buch "Das soziale Tier" zeigt, dass wir besser sind als wir glauben.

Um es gleich zu sagen: Dies ist ein großartiges Buch, viel spannender, lehrreicher, interessanter und - ja, auch das - amüsanter als es der eher langweilige Titel verspricht. Obwohl auch der Untertitel kein echter (Lese-)Lustmacher ist : "Ein neues Menschenbild zeigt, wie Beziehungen, Gefühle und Intuitionen unser Leben formen."

 

Ach, ja? Darüber ist in den vergangenen 20 Jahren reichlich geforscht und debattiert worden. Heute bezweifelt niemand mehr (oder zumindest niemand, der sich in der aktuellen Psycho-Neuro-Anthropologie ein bisschen auskennt), dass der Verstand allein uns nicht zu dem macht, was wir sind.

 

Halb Roman, halb Sachbuch

 

Trotzdem: Der amerikanische Journalist David Brooks (unter anderem bei der Washington Times, dem Wall Street Journal und der New York Times) fasst all die verblüffenden Forschungsergebnisse über den Menschen als "soziales Tier" nicht nur sehr gekonnt zusammen. Er hat daraus etwas Neues gemacht, einen faszinierenden Lesestoff, der halb Roman ist, halb populärwissenschaftliches Sachbuch.

Wie er selbst zugibt, gab es so etwas ähnliches schon einmal. Jacques Rousseau schrieb vor knapp 300 Jahren "Emile". Er versuchte darin, die noch ganz frischen und keineswegs überall akzeptierten Erkenntnisse über den Menschen der Aufklärung, den Vernunftmenschen, an Hand einer Romanfigur zu widerlegen. Rousseau glaubte an den "Naturmenschen".

 

Wir sind "nichts" ohne die anderen

Das tut David Brooks natürlich nicht mehr, aber er verdeutlicht und erklärt die aktuellsten Erkenntnisse der Gehirn- und Bewusstseinsforschung und aller anderen Wissenschaften rund um unser Verhalten an Hand eines ganz normalen amerikanischen Paares: Harold und Erica verlieben sich, heiraten, betrügen sich, leben neben einander her. Sie konkurrieren, machen Karriere, erleben Burn-out und Enttäuschungen. Aber alles, was sie erleben, erklärt Brooks (wissenschaftlich präzise und plausibel!) mit den neuesten Forschungen über das engen Netzwerk, in dem jeder von uns sich bewegt. Nicht dem elektronischen, sondern dem humanen von Elternhaus über den Beruf bis zur Ehe und ins hohe Alter. Weil wir ohne dieses sozialen Verbindungen zu anderen Menschen nicht überleben können und schon gar nicht reifen, mit Katastrophen umgehen und Glück genießen.

Dazu brauchen wir natürlich unseren Verstand, aber noch wichtiger sind die Gefühle, so die neue Übereinkunft der Wissenschaftler, der selbst Ökonomen allmählich zustimmen. Sie beeinflussen die eigenen Entscheidungen mehr als kühle Rationalität, und sie lassen uns das Verhalten anderer Menschen (meistens) so gut verstehen, dass wir beim Kontakt mit ihnen weit mehr von ihnen begreifen als nur den Sinn ihrer Worte.

 

Von Natur aus böse? Hundert gute Beispiele dagegen

Klar, niemand ist ein Insel. Das hat der Autor Johannes Mario Simmel schon vor einigen Jahrzehnten gewusst und daraus einen Bestseller-Roman gemacht, aber die Wissenschaftler, die sich mit dem menschlichen Geist beschäftigten, waren anderer Meinung. Sie untersuchten und beschrieben uns als Individualisten, die sich - aus für sie nicht erklärlichen Gründen - manchmal zu Massen zusammenschlossen und dann noch viel dümmer reagierten als im Einzelfall.

Insgesamt waren ihre Theorien über den Menschen negativ. Wir wurden als von Natur aus böse beschrieben, zwar belehrbar, aber nur durch harte Erziehungsmaßnahmen. Heute dreht sich der Trendwind, und David Brooks liefert hunderte von sehr guten Beispielen dafür.

 


In seiner Darstellung des neuen Menschenbildes wird ganz klar: Die Evolution drillte uns NICHT auf einen Kampf von jedem gegen alle. Viel wichtiger als Fitness ist fürs Überleben, dass wir ein großes Netzwerk mit anderen Menschen bilden, und das können wir, weil unsere Gene plus der Einfluss einer - alles in allem und meistens - freundlichen Umwelt uns zur Zusammenarbeit drängen.

 

Eher freundlich als böse, eher friedlich als streitlustig


Klingt das sehr theoretisch? Dann liegt es an mir. David Brooks schildert diese neue Ansicht auf die menschliche Naturdas sehr anschaulich, humorvoll, oft sogar amüsant an Hand seiner Protagonisten Harold und Erica. Die wissenschaftlichen Erklärungen für ihr Verhalten streut er lässig zwischen die Beschreibung ihres Lebensweges. Das Ergebnis: Selbst jene, die sich bisher noch nicht mit den Menschenwissenschaften beschäftigt haben, verstehen die aktuellen Thesen auf Anhieb. Sie können sie sogar ins eigene Leben übernehmen - wenn sie sich von dem alten Paradigma "Der Mensch ist des Menschen Wolf" oder "Wir sind allzumal Sünder" verabschieden und für das neue votieren:  Wir sind zwar keine Lämmer, aber mehr als glückliche Ameisen. Auf jeden Fall werden wir von der "Natur" stärker zum Zusammenleben gedrängt als zum Krieg.

"Das soziale Tier" wird von seinen Beziehungen geprägt, und obwohl die mehr von Gefühlen und Intuitionen bestimmt werden als vom Verstand, ist das Ergebnis ein Mensch wie wir ihn täglich um uns herum erleben: eher freundlich als böse, eher friedlich als streitlustig. Rüpelige Radfahrer, rücksichtslose Nachbarn, aggressive Kollegen, arrogante Verkäuferinnen? Sie bilden die Ausnahmen, nicht die Regel. Wer David Brooks Buch über sich als "das soziale Tier" liest, wird sich Seite für Seite davon überzeugen lassen.