Reizthema

Das ungewollte Kind

Schwangerschaftsabbrüche oder was man mit Statistiken so alles anstellen kann: Neuerdings sollen nun sogar Abtreibungen für die niedrige Geburtenzahlen in Deutschland verantwortlich sein.

Von: Bärbel Kerber, Foto: photocase.com

vom 25.07.06

Woran liegt es, dass in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden? Diese Frage beschäftigt uns derzeit mehr als erträglich ist. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Artikel, Analysen und Kommentare dazu in den Zeitungen und Magazinen erscheinen. Und die Ergebnisse werden immer gewagter. Das Neueste, was dazu zu lesen war: „Vergangenes Jahr wurden 124 000 Kinder während der Schwangerschaft getötet. Die Zahl der Abtreibungen lag höher als das Geburtendefizit. Sprich: Hätten wir die abgetriebenen Kinder zur Welt gebracht, wäre die Bevölkerung nicht geschrumpft.“  Das resümiert Christoph Keese, Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, und betitelt das Ganze harsch als „Das Versagen einer Generation vor dem Leben“ (in der Welt am Sonntag, 19.03.2006). *

 

Hier sieht also der Vertreter einer führenden Sonntagszeitung in der Abtreibungsstatistik einen Beweis für den zunehmenden Egoismus der Frauen bzw. Paare, die – wenn schwanger geworden – sich ohne Not lieber für das unbekümmerte süße Leben ohne Kinder entscheiden.  (Ohne Not deshalb, weil nur 3 % der Abbrüche aus medizinischen oder kriminologischen Indikationen geschahen.) Was hier grob fahrlässig transportiert wird, ist die Botschaft: Frauen, die abtreiben, seien verantwortlich für den Geburtenrückgang Deutschlands.

 

Statistiken entgegnet man am besten mit Gegenstatistiken? Nun, zumindest kann es ein wenig der Erhellung dienen bzw. das, was Herr Keese geschrieben hat, ins rechte Licht rücken, wenn wir uns folgende Fakten anschauen:

 

Die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche hat in den letzten Jahren abgenommen (1996 waren es noch 130.900). Und: Die Geburtenrate ist im gleichen Zeitraum nicht wirklich gefallen, sondern sie ist konstant bei 1,36 Kindern geblieben.

 

Jeder darf nun seine eigenen Rückschlüsse ziehen.

 

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* Übrigens: warum wir keine Kinder mehr wollen, erklärt Keese mit dem Egoismus einer Generation, für die Wohlstand und Konsum wichtiger sind als das Glück, das Kinder bedeuten. Ob man sich es so einfach machen darf mit den Erklärungen, soll hier nicht debattiert werden. Seine Ansicht teilen sehr viele Leute. Neu in der Kinderdebatte ist aber der Schwenk auf die Frauen, die Schwangerschaftsabbrüche haben vornehmen lassen.