Cool Tour

Das Wunder von Teheran

Frauen-Fußball findet im Iran eigentlich nur hinter verschlossenen Toren statt. Für den Dokumentarfilm "Football Under Cover" aber kam es zu einer Ausnahme – und zu einer Begegnung der iranischen Frauen-Nationalelf mit den Spielerinnen eines Kreuzberger Vereins. Eine kleine Revolution fast schon unter blauem Himmel.

Der Iran ist nicht gerade für seine frauenfreundliche Politik bekannt. Ohne Kopftuch verlässt man nicht das Haus. Und die Zeiten vor dem Sturz des Schah, als man noch Mini-Rock und Schminke trug, sind vorbei. Vor der Revolution von 1979 gab es im Iran eine Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Die gibt es zwar immer noch. Nur muss sie heute hinter verschlossenen Toren, abseits von den Blicken neugieriger Männer, trainieren.

Auch in Berlin-Kreuzberg gibt es eine Frauen-Elf. Es handelt sich hier zwar nicht um Nationalspielerinnen, aber Marlene und ihre Freundinnen vom BSV Al-Dersimpor sind mit Herz dabei. Und als sie von den fußballspielenden Frauen im Iran erfahren, haben sie nur noch ein Ziel: Sie wollen dort ein Freundschaftsspiel organisieren.

Eine kleine Revolution

Linksverteidigerin und Filmstudentin Marlene ist die treibende Kraft hinter der Aktion. Und es grenzt schon an ein kleines Wunder, dass sie es geschafft hat, im April 2006 beide Mannschaften in Teheran auf den Rasenplatz zu holen. Zwar nicht ins berühmte Azadi-Stadion, sondern auf einen miesen kleinen Rasen, weit ab vom Schuss. Doch die rund 1.000 Iranerinnen, die auf den Rängen jubeln, toben und anfeuern, stört das nicht. Sie feiern eine kleine Revolution: Das erste öffentliche Frauen-Fußballspiel unter Irans blauem Himmel seit rund 30 Jahren.

Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit und der Ruf nach Gleichberechtigung wird laut. „Es ist ein Grundrecht, ins Stadion zu gehen“, sagt eine Zuschauerin. „Männer können im Stadion tun und lassen, was sie wollen. Sie fluchen und benehmen sich daneben und keinen kümmert es. Nur die Frauen bekommen eins drauf“, beschwert sich eine andere. Mit Sprechchören feuern sie ihre Mannschaft an. Und die Sittenwächterinnen rufen über Lautsprecher zur Ordnung auf: „Wenn sie tanzen wollen, gehen sie in die Disco!“

Kicken mit Kopftuch

Gleichberechtigung: Im Iran immer noch ein Fremdwort. Ja, mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer an den Universitäten. Und der beste Ralleyfahrer im Iran ist eine Frau. Doch auf dem Land, weit ab von den städtischen Zentren, ist von einer Frauenbewegung nichts zu spüren. Frauen haben vor dem Gesetz weniger Rechte. Und sie sind verhüllt. Die Moral- und Tugendwächter der Mullahs sorgen dafür, dass Frauen und Mädchen nicht über die Stränge schlagen. Das bekommen auch die Fußballspielerinnen zu spüren. Bei dem Freundschaftsspiel müssen alle selbstverständlich mit Kopftuch kicken. Auch die Berlinerinnen, denen die Verhüllung natürlich komisch vorkommt. Obwohl viele aus der Mannschaft, so wie Susu, selbst muslimischen Glaubens sind. Susu trägt kein Kopftuch. Sie will ihren Spaß – und staunt, im Iran angekommen, dann doch über die strengen Verhaltensvorschriften, denen die Frauen dort unterliegen.

Deshalb verkleidet sich Niloofar auch als Junge, wenn sie draußen im Park unverhüllt spielen will. Ihre Sportjacke trägt sie dann hoch geschlossen, ihre kurzen Haare versteckt sie unter einer Baseball-Kappe. Beckham ist ihr großes Vorbild. Weil Fußball sein Leben ist. Weil er weitergemacht hat, obwohl man zu ihm sagte, mit seinen dünnen Beinchen könne er nie ein Spitzen-Spieler sein. Wann immer sie Zeit hat, trainiert sie. Für sie ist Fußball mehr als nur ein Spiel, Fußball ist ein Stück Freiheit, das sie sich erkämpft.

Von Träumen wie diesen erzählt die Doku der beiden Jung-Regisseure Ayat Najafi und David Assmann. Und von den Steinen, die den Mädchen immer wieder in den Weg gelegt werden, bis es endlich zum Anpfiff kommt: Bibbern, bis man endlich das Einreise-Visum bekommt. Bangen bis zum Schluss, ob das Spiel stattfinden kann. Unverständnis, als Niloofar kurz vor dem großen Ereignis die Spiel-Erlaubnis entzogen wird. Und Ohnmacht, weil man nicht weiß, ob, wie und wo man sich wehren soll. Iran ist nicht Deutschland. Was soll man tun?

Druckmittel Kamera

„Football Under Cover“ ist kein Film, der von großen Bildern lebt. Sondern von der Geschichte, die er erzählt. Anfangs hat man seine Schwierigkeiten, in den Erzählton Marlenes einzusteigen: Sie spricht holprig und der Text wirkt abgelesen. Doch nach kurzer Zeit rückt die Machart in den Hintergrund und die Story nach vorn. Witziges Paradox dabei ist, dass es die erzählte Geschichte ohne die Dreharbeiten selbst vermutlich gar nicht gegeben hätte: Denn Marlene ist sich bewusst, dass sie mit der Kamera, die sie begleitete, Aufsehen erregte. So konnte sie einen gewissen Druck ausüben – bei den iranischen Behörden und Sponsoren, bei den Leuten, die Entscheidungen fällen. Denn letztendlich will doch niemand als der Spielverderber dastehen – und das auch noch vor laufender Kamera.

Richtig spannend wird es, wenn Marlene zu Vorgesprächen in den Iran fährt und die Spielerinnen dort kennen lernt. Gerne würde man noch mehr erfahren von Narmila und ihrer Mutter, die damals, vor der Revolution, selbst Nationalspielerin war. Gab es keine Bilder und Fotos? Keine Zeitungsausschnitte, die mehr von den ehemaligen Fußballspielerinnen erzählen? Mama hat ihrer Tochter das Spielen beigebracht. Jetzt dribbelt sie mit ihr durch die staubigen Straßen, und der schwarze Tschador weht im Wind.

Was „Football Under Cover“ nebenbei schafft: Der Film weckt, ähnlich wie „Persepolis“, ein Interesse an der iranischen Gesellschaft, abseits von den Schlagzeilen über Präsident Mahmud Ahmadinedschad und dem Streit um die Atomanlagen. Es ist ein politischer Fußballfilm. Über seine Motivation zu dem Projekt sagte der im Iran geborene Regisseur Ayat Najafi im Interview mit dem Hessischen Rundfunk: „Dieses Projekt war für mich nicht ein Film über Fußball, sondern ein Film über die Rechte der Frauen. Für mich ist wichtig, dass jeder Mensch tun darf, was er will. Natürlich auch die Frauen, die ebenfalls ein Recht auf Träume und somit auf Glück haben.“ Wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu sein, durfte er beim Fußballspiel in Teheran selbst erfahren: Denn im Stadion waren nur Frauen erlaubt und ausnahmsweise drückten sich draußen die Männer die Nasen an den Toren platt.

„Football Under Cover“: Dokumentarfilm (Deutschland 2008). Regie: David Assmann, Ayat Najafi. Buch: Ayat Najafi, Marlene Assmann. Mit Niloofar Basir, Narmila Fathi, Sanna El-Agha, Paraskevi Boras, Marlene Assmann, Ayat Najafi, Hüseyin Karaduman. Filmverleih: Flying Moon. Seit dem 24. April 2008 in den Kinos.

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Susanne Sitzler  ist freie Journalistin in Köln. Der vorliegende Text erschien zunächst in dem Magazin „Fluter“und wurde uns für eine Zweitveröffentlichung an dieser Stelle freundlicherweise zur Verfügung gestellt. 

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