Reizthema

Den Machern auf den Schlips getreten

Die Gnadenfrist ist verstrichen – die Quote im Durchschnitt erfüllt. Norwegen macht vor, wie man Frauen nach oben bringt. Seit dem 1. Januar 2008 gilt dort ein Gesetz, das börsennotierten Unternehmen vorschreibt, wie sie ihre Aufsichtsratsposten zu besetzen haben: zu mindestens 40 Prozent weiblich nämlich. Oder auch zu mindestens 40 Prozent männlich.

Der norwegischen Politik ging es einfach zu langsam: Sieben Prozent weibliche Aufsichtsräte im Jahr 2002 – das mochte im internationalen Vergleich noch recht ordentlich scheinen, war den Skandinaviern aber dennoch viel zu wenig. Deshalb half man nach und verabschiedete ein Quotengesetz, das die Gleichstellung von Mann und Frau auch in den Spitzenpositionen der Wirtschaft voranbringen sollte. Das Ergebnis: Die Osloer Börse wird heute als die „weiblichste Börse der Welt“ gehandelt.

Seit Anfang 2006 sind nämlich bereits staatliche Unternehmen in Norwegen dazu verpflichtet, ihre Aufsichtsratsetagen zu 40 Prozent weiblich zu besetzen. Mit dem Neujahrstag 2008 trat diese Frauenquote nun aber auch für die Privatwirtschaft als gesetzliche Vorgabe in Kraft: Rund 500 börsennotierte Unternehmen sahen sich aufgefordert, in den eigenen Männerriegen ein wenig Platz für neue Kolleginnen zu schaffen. Ob sich da jemand auf den Schlips getreten fühlte?

Selbstverständlich war auch in Norwegen, wo der politische Wille zur Gleichstellung sehr ausgeprägt ist, die neue Regelung alles andere als unumstritten. Heftige Proteste gab es vor allem von Seiten der Unternehmen, die das übliche Totschlagargument bemühten: So viele qualifizierte Frauen gäbe es doch gar nicht, dass die Zwangsquote einen Sinn ergeben würde. Und man sähe sich ja fast genötigt, Ehegattinnen und Schwiegertöchter zu rekrutieren, um die Auflagen zu erfüllen.

Auf Schwiegertöchter und Ehefrauen konnte man glücklicherweise dann aber doch problemlos verzichten. Zu verdanken war dies unter anderem auch dem Hauptverband der norwegischen Wirtschaft NHO, der sich zwar ebenfalls deutlich gegen die Quote aussprach, dann aber, als sich abzeichnete, dass an dem neuen Gesetz kein Weg mehr vorbeiführen würde, doch lieber weitsichtig auf das Programm „Female Future“ setzte – ein selbst aufgelegtes Programm des NHO, das Frauen fit machen soll für eine neue Rolle als Aufsichtsrätin. Rund 500 Kandidatinnen haben mittlerweile eine Schulung an dieser „Kaderschmiede“ absolviert, die nicht nur Bilanzen Lesen und Aktienrecht auf dem Lehrplan hat. Auch „soft skills“ sollen hier gefördert werden, etwa die Fähigkeit zum „Networking“, ohne die man wohl eher schlecht dastünde – als Frau inmitten der gut eingespielten Männercliquen, die heute noch das Wirtschaftsleben dominieren.

Ob Veränderung hier wirklich nur mit Zwang herbeizuführen ist? Norwegen hat in dieser Frage reichlich Erfahrung sammeln können, seit das Quotengesetz im Jahr 2003 auf den Weg gebracht wurde. Dabei kam die Initiative damals gar nicht einmal aus der feministischen Ecke, sondern ging auf einen Politiker der konservativen Partei zurück: auf den damaligen Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen, der sich dafür stark machte, mehr Frauen in die Aufsichtsräte des Landes zu hieven – zunächst möglichst auf freiwilliger Basis.

Doch im Jahr 2005 musste die Regierung dann feststellen. dass es noch Jahrzehnte dauern würde, die Wunschquote zu erreichen, gestände man der Wirtschaft weiter ihr eigenes Tempo zu. Eine Frist von weiteren zwei Jahren wurde also beschlossen – und Sanktionen, mit denen dann immer noch uneinsichtige Quotensünder zu rechnen hätten: zunächst Geldstrafe und Entzug der Börsennotation, notfalls aber auch die Zwangsauflösung eines Unternehmens.

Gleichstellungspolitik als staatliche Räuberpistole? In Norwegen sieht man das Ganze weitaus nüchterner: „Der Vorgang ist nichts Besonderes“, wird etwa Tone Ofstad vom norwegischen Justizministerium im „Spiegel“ zum Thema Zwangsauflösung zitiert. Auch bei Gesetzesmissachtungen anderer Art sei eine solche Auflösung eine denkbare Folge – auch wenn es zu diesem Schritt bei einem börsennotierten Unternehmen bisher noch nicht gekommen sei.

Aber einmal ist immer das erste Mal? So oder so. Offenbar wollte man selbst unter den etwas stureren Firmenpatriarchen Norwegens gar nicht erst erfahren, wozu die Gleichstellungspolitik des Landes alles entschlossen sein könnte. Noch vor dem Stichtag am 1. Januar 2008 jedenfalls verkündete der NHO in einem Papier erleichtert, dass das „Ziel erreicht“ sei. Hier und da, etwa in den männerdominierten Branchen Schiffsbau und Energie, müsse zwar noch etwas nachgebessert werden, doch im Durchschnitt läge der weibliche Anteil an Aufsichträten landesweit nun endlich bei 40 Prozent.

Wem das nun zugute kommt – außer den Frauen selbst? Es sei „empirisch bewiesen“, dass Firmen mit Frauen in Spitzenpositionen erfolgreicher seien, so lautete das Argument, mit dem einst Ansgar Gabrielsen die Quotenfrage auf die parlamentarische Bühne holte. Und auch Studien scheinen diese These hin und wieder zu belegen: dass gemischte Gremien ein Unternehmen besser auf Erfolgskurs bringen können als traditionell (männlich) besetzte. Allein: Wen muss das interessieren? In Norwegen jedenfalls kann es einem passieren, dass auf Argumente wie diese eher pikiert reagiert wird. Was der eigentliche Sinn des Gleichstellungsgesetzes sei? „Es geht um Demokratie“, so eine kurze und knappe Erklärung aus dem norwegischen Gleichstellungsministerium gegenüber dem „Spiegel“.

Vom neuen Quotengesetz profitieren können aber sicher nicht nur die Frauen. Sondern vermutlich auch die Männer. Dutzende von Beschwerden sollen mittlerweile bei der norwegischen Ombudsfrau für Gleichstellung eingegangen sein, die zur Aufgabe hat, Diskriminierung von Geschlechts wegen zu bekämpfen. Männer würden dagegen protestieren, aus ihren Spitzenjobs verdrängt zu werden. Aber wo das norwegische Quotengesetz auf Gleichstellung im wahrsten Sinne des Wortes setzt, ist anzunehmen, dass der Beschwerdeweg der Herren um vieles kürzer sein wird als der, den Frauen bisher zurücklegen mussten. Denn: Aufsichtsräte in Norwegen müssen heute nicht nur zu mindestens 40 Prozent weiblich besetzt sein – sondern selbstverständlich auch zu mindestens 40 Prozent männlich. So will es das Gesetz. Kein Grund zur Sorge also.