Männerecke

Der Bettfrisör

Von: Andreas Glumm - alias 500beine, Foto: photocase.com

vom 04.05.07

Jahrelang bekam die Gräfin regelmäßig Besuch vom Bettfrisör, und zwar ungebeten und übernacht.

Hatte er sich zunächst noch damit begnügt, einen oder zwei belgische Brezel in ihr langes Haar einzuklöppeln oder es sonstwie durcheinander zu bringen, so wurde er mit der Zeit immer experimentierfreudiger.

Die Gräfin wirkte teilweise recht mitgenommen, am nächsten Morgen.
"Ich seh aus wie ne verdammte Kathedrale!" jammerte sie.

Einmal hat er ihr gar ein Kurzhaar-Toupet verpasst.
"Guten Morgen, der Herr", sagte ich erstaunt in der Küche, als die Gräfin aus dem Bette stieg, "kann ich Ihnen weiterhelfen?"
"Blödmann", zischelte sie, und da der Bettfrisör zwar das Haar veränderte, aber nicht die Stimme, erkannte ich umgehend meinen Lapsus:
Die Blaublütige!

"Steht Ihnen ganz hervorragend, der neue Europa-Schnitt, gnä’ Frau."
Ich küsste die Hand und alles, Hauptsache, sie guckte nicht in den Spiegel - zu spät.
"Wie seh ich denn aus??! Wie ein wildgewordener Handfeger!"
"Das war der Bettfrisör!" schimpfte ich. "Den hol ich mir!"
Natürlich war er längst über alle Berge.

Ich gewöhnte mich fast schon daran, des Morgens ihre entsetzten Schreie aus dem Bad zu hören:

"WIE SEH ICH DENN AUS!? WIE EIN KOPFPUDEL!!"
"Wie ne Lachsalve!"
"Ne triefäugige Frauenkolumne!"

"Überall Butterhörnchen auffem Kopp!"
"Als hätt ich die Nacht unterm Elektrozaun verbracht!"

Eines Tages aber verschwand der Bettfrisör und ward nicht mehr gesehen. Vermutlich kam er gegen die Löwenmähne der Gräfin nicht mehr an. Dinge, die schon in Unordnung sind, noch mehr durcheinander zu bringen, das strengte vielleicht doch zu sehr an, keine Ahnung.

Jedenfalls ging endlich wieder alles seinen Gang. Die Gräfin wurde wach, betrachtete sich im Spiegel, sie gähnte zufrieden.
Bis heute morgen.

Da höre ich sie plötzlich, "Nein!! Ich werd bekloppt!" bekloppt werden, und weil ich in der Regel stets das Schlimmste befürchte, stürze ich ins Badezimmer.

"Was ist los? Bettfrisör? Geschwür?!"
"Schlimmer! Der SPECKMONTEUR war da!"
Der SPECKMONTEUR??
"HIMMEL!"

Ein ganzes Kilogramm hat er ihr angeblich an den Bauch gepappt, übernacht.
"Guck mal, wie das überall schwabbelt, iihh!"
Ich seh nichts.
"Pah, Männer! Haben keinen Blick dafür. Ich hab kolossale Fettschmerzen!"

Der Speckmonteur ist der gefürchtete Kumpel von Van Krisel, jenem Boss des berüchtigten Orangenhautanbaugebiets Po-Ebene, der schon seit geraumer Zeit ganze Arbeit leistet und Frauen in ganz Deutschland in Angst und Schrecken versetzt.

Weil die Gräfin sowieso nicht mehr in ihr Kommunions-Röckchen reinpasst, will sie nun eine Diät machen. Eine richtige Diät, nicht diese Bum-Bum-Bratwurst-Diät aus dem Jahre 1997, als es vierzehn Tage lang nur Bratwurst und Speiseeis gab.
Nein, diesmal wird gefastet.
Null-Diät!

Nun meint die Gräfin aber, das öde am Fasten sei ja, dass man tagelang immer nur den eigenen Geschmack im Mund habe.
Also unterbreitet sie mir folgenden Vorschlag:

"Ich koche dir jeden Abend eine Mahlzeit und wenn du brav alles aufgegessen und den Teller abgeleckt hast, dann komm ich ins Spiel und darf dir feste durch den Mund lutschen, sagen wir, eine halbe Minute lang. Nur für meinen Geschmack!"

Da ich, was das Kochen angeht, in einem Abhängigkeitsverhältnis erstarrt bin, schlage ich ohne Zögern ein. Ich kann nämlich nicht gut kochen:
ABER LECKER ESSEN, HÖMMA!

 

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Andreas Glumm schreibt täglich in seinem Weblog "500Beine" über sich und sein Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin".