Wissenswertes

Der Buchladen "ohne Bücher" feiert 5-jähriges Bestehen

Existenz trotz Banken. Ein Lehrstück.

 

 

Es klang ein bisschen wie ein Witz, als der Buchladen ohne Bücher eröffnete. Nicht, dass das ein neues Konzept gewesen wäre – nein, es war nur kein Geld für Bücher da. Dabei war Edgar Schuster von Bank zu Bank gelaufen, um als junger Existenzgründer einen der extra für solche Zwecke zur Verfügung stehenden Kredite zu bekommen. Gelernter Buchhändler war er, der zudem auch noch den Bedarf an Belletristik, Schul- und Fachbüchern seiner Siemensstädter, des gleichnamigen Unternehmens und anderer größerer und kleinerer Betriebe in diesem Stadtteil genauestens kannte und im Traum hätte er nicht daran gedacht, was sämtliche ansässigen Kreditinstitute ihm offenbarten: Keine Kohle für Bücher! Für so was, so meinten die Herren und Frauen Banker, bestehe kein Bedarf in Spandau - einem Stadtteil mit immerhin rund 230.000 Einwohnern, einem Großteil davon in Siemensstadt.

Herr Schuster aber pfiff auf die Meinung der örtlichen Bankenfilialleiter, kaufte sich vom Ersparten ein paar Billy-Regale und möblierte das frisch angemietete Ladenlokal an der Nonnendammallee damit notdürftig. Den Passanten tat ein Schild im Schaufenster kund, dass dieser Laden mit den gähnend leeren Regalen eine Buchhandlung sei – aber eine, die in der Lage sei, jedes x-beliebige Buch quasi über Nacht zu beschaffen. Das sprach sich schnell herum und in Nullkommanix fanden sich auch ein Arbeitstisch, Büromöbel und -gerät als Spende und sogar der unverzichtbare PC als Leihgabe ein.

 

Solch ungewöhnliche Massnahmen ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Die Berliner Abendschau, RTL und SAT1 schauten vorbei und die Zeitungen berichteten. Der Buchladen war in aller Munde und plötzlich kam die Hilfe von allen Seiten. Eine Siemensstädterin half sogar mit der Ladenmiete aus und Berliner Autoren jedes Genres holten Kisten mit Belegexemplaren aus ihren Kellern und schleppten sie zu Herrn Schuster nach Siemensstadt. Belegexemplare dürfen zwar nicht verkauft werden, aber zur Ansicht stehen dürfen sie sehr wohl. Also füllten sie schnell die Regale von „Bücher am Nonnendamm“ und warben dort für Buchhandlung und Autoren gleichermaßen.

 

Optisch war das Problem wenigstens gelöst, an der nötigen Barschaft mangelte es aber immer noch. Wieder hatte der clevere Buchhändler eine unorthodoxe Idee und verkaufte Gutscheine für die bei ihm erhältliche Lektüre, die nach einem halben Jahr eingelöst werden konnten. Also erstmal das Geld einnehmen – die Ware dafür gab's später. Die Siemensstädter Kunden, die darauf gern eingingen, wurden nicht enttäuscht. Die Autoren taten ihres hinzu und lasen in dem Verkaufsraum, der rund 45 Personen fasst, wenn das Gestühl geschickt stellt ist, aus ihren Werken. Seitdem waren Monat für Monat namhafte Autoren und Autorinnen in dem Buchladen zu Gast. Etwa 50 sind es bisher, und die Wände des kleinen Büros von Edgar Schuster und seinen beiden Mitarbeitern sind tapeziert mit all ihren handsignierten Ankündigungsplakaten.


Und wer stand wohl auf der Matte, kaum dass der Laden in Schwung gekommen war. Richtig! Die Banken. Aber sie boten nicht etwa zinsgünstige Existenzgründer-Kredite an, sondern teure Dispos.

Fünf Jahre nun ist es her und der Erfolg gibt Schuster recht. Wer irgendwann in der zweiten Januarwoche dieses Jahres den einzigen Buchladen in Berlin-Siemensstadt betrat, wurde von mindestens drei strahlenden Gesichtern inmitten von überquellenden Bücherregalen empfangen und bekam sogleich ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Die glücklichen Mienen gehören zu Edgar Schuster, dem stolzen Inhaber des Ladens und seinen beiden Mitarbeitern Astrid Riedinger und Michael Strobel. Und wer immer als Kunde und Siemensstädter gerade anwesend war, strahlte mit, denn an der Geburt des Buchladens und den ersten Schritten hatte damals schließlich nicht nur der ganze Stadtteil teilgenommen, sondern sogar die ganze Republik, was so gewöhnlich nicht ist.

 

 

(TV-Beitrag "Guten Abend RTL" vom 13.02.2002 - mit freundlicher Genehmigung von RTL)

 

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Weiterführende Links:

 

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
 

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Wikipedia zum Thema Existenzgründung