Anderswo

Der Fluch der TV- & Computer-Kinder

Der alte und ewige Streit: Wie dumm macht Fernsehen und wie aggressiv machen Computer?

Von: Bärbel Kerber, Foto: Anissa Thompson via stock.xchng

vom 15.03.07

Nicht nur Eltern sorgen sich über die zunehmenden Stunden, die heutige Kinder vor Fernseh- und Computerbildschirm verbringen. Wann immer es Greueltaten von Heranwachsenden und Fast-noch-Kindern zu beklagen gibt (sei es der Amoklauf von Erfurt oder jener in Emsdetten), hallt der Aufschrei durch das Land, Computerspiele und Gewaltvideos würden Kinder zu Monstern machen. Ähnlich verhält es sich, wenn Studien verdeutlichen, wie bewegungsfaul, dick oder ungebildet (Stichwort Pisa-Studie) die heranwachsende Generation zu sein scheint. In der öffentlichen Diskussion wird vordergründig analysiert und schnell geurteilt, woran es mangelt: Es werden die Stunden gezählt und angeprangert, die durchschnittlich vor der Glotze abgesessen werden. Und TV und Computer sind plötzlich wieder am Zustand unserer Gesellschaft schuld.


Um mehr Klarheit hat sich hier auch die Zeitschrift "chrismon" bemüht und wirkliche Experten zum Thema Medienkonsum zu Wort kommen lassen. Ein wunderbares und aufschlussreiches Streitgespräch zwischen dem Hirnforscher Manfred Spitzer und dem Kinderarzt Remo Largo fand dort statt. Und eines vorweg – einig waren sie sich bei weitem nicht. Erhellend ist der Schlagabtausch vielleicht gerade deshalb.


Also: Ist es ein Skandal, dass der Umgang mit dem Computer zum Schulfach wurde – und dies gar auf Kosten von Fächern wie Musik, Kunst und Sport? Oder ist es heute von unverzichtbarem Wert, wenn Kinder bereits ihr späteres Arbeitsgerät als Realität in der Schule begreifen lernen?


Der Schaden, den übermäßiger Medienkonsum anrichtet, überwiege, findet der Hirnforscher. Spitzer bemerkt, früher gab es Tüftler, heute gebe es nur noch „Studenten, die am Bildschirm herumklicken“ und Kinder, die nicht mehr wissen, „wie man ein Zelt aufbaut". Spitzer weiter: „Wenn man sich jeden Tag drei bis fünf Stunden mit der virtuellen Welt beschäftigt, weiß man, wie man in irgendeinem Spiel von Ebene 17 auf Ebene 18 kommt – aber vieles andere weiß man eben nicht. Wir Deutschen haben in vielen Bereichen der Wirtschaft längst die Produktion nach Asien verlagert.“


Dass Fernsehen dumm macht, zeigt nach Spitzers Ansicht die Datenlage ganz deutlich und beruft sich dabei auf Studien aus Neuseeland: „Wer im Kindergartenalter viel fernsieht, nämlich mehr als drei Stunden, der hat später ein enorm hohes Risiko, die Schule abzubrechen, nämlich 25 Prozent.“


Largo sieht das entspannter und dass man es sich nicht so einfach machen könne: „Die Frage ist doch: Wenn diese Kinder nicht fernsehen würden – was würden sie dann tun? Und die zweite Frage ist: was machen sie in der Zeit, in der sie nicht vor dem Fernseher sitzen?“


Selbst von pädagogisch wertvolleren Fernsehangeboten wie „Galileo“ oder „Die Sendung mit der Maus“ hält Spitzer so lange nicht viel, wie eine gute Betreuung zu Hause fehlt: „Die Kinder kommen um eins nach Hause, da ist keiner. Dann nutzen sie die Bildschirmmedien.“


Wie vermutlich die Mehrheit der Bevölkerung ist auch Spitzer überzeugt, es gebe eindeutig einen Zusammenhang zwischen grausamen Morden, begangen durch junge Menschen, und deren stundenlanger Beschäftigung mit Computerspielen, in denen ein Opfer mit dem Fuß getreten wird.


Doch Vorsicht vor vorschnellen Urteilen. Largo will solche Taten nicht auf den Konsum von Computerspielen reduziert wissen: „Ich möchte den Jugendlichen sehen, der sozial integriert, schulisch erfolgreich und ansonsten unauffällig ist und nur aufgrund eines Computerspiels zum Amokläufer wird.“ ... „Kinder suchen ihre Vorbilder im Fernsehen – das ist das Problem. Aber daran sind nicht die Medien schuld. Daran sind wir Erwachsene schuld.“


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