Männerecke

Der Happy-Size-Grizzly würde einen Liter Cappuccino bestellen

„Is it long or short, man?“ So machte einst ein nächtlicher Kunde einen mir bekannten Taxifahrer an und stierte ihm in den Schritt.

„Äh ... it's normal“, antwortete mein Kumpel alarmiert.
„What do you mean: normal? Hey dude, is it big oder small?“
„Normal size. Average.“

Normal, Durchschnitt, was heißt das heute schon? Wo doch nicht einmal „groß“ und „klein“ etwas aussagen. Der Beweis: Ein Zwei-Meter-Mann gilt gemeinhin als „groß, ein Zwei-Meter-Grizzly hingegen als eher „klein. Wenn nun ein solcher Mann auf einen solchen Grizzlybären trifft und dann vielleicht noch etwas Abfälliges über dessen Mutter sagt (das ist vielleicht gar nicht nötig), dann wird man feststellen: Größe ist ein relativer Begriff.

Jede Frau mit Normalfigur (sagen wir mal: 1,72 Meter groß, 65 Kilo, das ist ein Beispiel. Nur ein Beispiel!), die sich halbwegs trendy kleiden will, wird mir Recht geben. Denn probiert sie die Klamotten eines angesagten Labels an, wird sie XL benötigen. Extra large! Was soll das? XL trug früher die nette Kugelstoßerin von nebenan, und die Normalfrau naheliegenderweise M, also medium. Heute passt die durchschnittlich gebaute Frau ins M-Kleid gerade mal mit einem Bein. Und in Small-Mode – einst kleineren, schlanken Frauen auf den Leib geschnitten – fühlen sich heute nur noch abgenagte Knochen wohl.

Was machen dann aber Frauen, die etwas mehr auf den Hüften und sonstwo haben? Die müssen in den so genannten Übergrößen-Laden, in denen so genannte Starke Frauen-, Molli-Moden- oder Happy-Size-Kleidung herumhängt. Dort ist wieder alles anders, dort werden Blusen verkauft, die angeblich gerade mal Größe 40/42 haben, aber als Viermann-Zelt für den Kanada-Urlaub dienen könnten. Dort trifft man den Bären wieder, der nach dieser Logik wiederum bequem in Happy Size 44/46 hineinpasst.

Auf der einen Seite Nano-Technologie, auf der anderen Mega-, Giga- und Gaga-Leistungen – Hauptsache nicht normal. Wer bei McDonalds nicht das „Maxi-Menü“ verschlingen mag, dem wird mit dem Begriff „Spar-Menü“ eingetrichtert, dass er ein Geizkragen ist. Dabei ist das „Spar-Menü“ die ganz normale Portion: Burger, Pommes, Getränk. In den USA konnte man sich den McMampf aber sogar „supersizen“ lassen: Dann gab's einen Sack Pommes und einen Liter Cola dazu. Für werdende Supersize-Klamotten-Träger. Die Burger-Konkurrenz bietet derweil den Big King XXL“ an. Das klingt doch auch wie ein Übergrößen-Trendlabel: Big King XXL, die Modelinie für den stattlichen Mann.

Nicht einmal den standardisierten Maßeinheiten darf man trauen. „Ich hab doch nur zwei Kilo zugenommen“ hört man zuweilen, wenn der Liegestuhl unter Mister Big King XXL oder Frau Happy Size zusammenkracht. Und „Das sollen 20 Zentimeter sein?“ hat sich auch schon manche Frau gewundert, wenn es ans Auspacken des neuen Liebhabers ging. Einem alten Witz gemäß darf man sich von Männern beim Einparken daher lieber nicht helfen lassen: „Noch 25 Zentimeter“, von wegen, und schon knallt es.

Groß klein, lang, kurz – wirklich alles relativ und vor allem kalter Kaffee. Und wie: Der Coffee-Shop um die Ecke bietet nämlich Getränke zum Mitnehmen in drei Bechergrößen an: L – XL – XXL. Zu Deutsch: groß, sehr groß, riesengroß. Oder etwa nicht?
„Einen Cappuccino, large“, orderte ich neulich.
„Kleiner Cappuccino“, nickte die Bedienung.
„Nein L, large, groß“, belehrte ich sie mit all meiner Fremdsprachenkompetenz.
Die Dame korrigierte mich: „L bedeutet klein, XL mittel, XXL groß.“
Später drückte sie mir einen Large-Becher in die Hand: „Bitte, ein kleiner Cappuccino.“ Und außerdem: „Vorsicht, heiß!“ Er war, fand ich, nur lauwarm.

Man muss sich nicht wundern, wenn unsere Kinder verblöden. Dies war übrigens eine XXL-Kolumne mit Supersize-Humor. 

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Magdi Aboul-Kheir ist deutscher, als es klingt. Er lebt in Ulm und arbeitet dort als Kulturredakteur einer Tageszeitung. Der vorliegende Text ist in dem Webblog „Kolumnen.de“ erschienen und wurde uns freundlicherweise für eine Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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