Reizthema

Der Helden Untergang?

Das traditionelle Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern ist ins Wanken gekommen. Und die Männer tun sich schwer, hiermit zurecht zu kommen. Keine gute Nachricht - weder für die Frauen, noch für die Männer. Heißt es in Ute Scheubs "Heldendämmerung".

Da ist ganz schön was passiert in den letzten Jahrzehnten.  Frauenemanzipation, Globalisierung, Wirtschaftskrise - und mit all dem müssen Männer auf ihre eigene Weise zurecht kommen. Ute Scheub sagt: Durch Verlust von Jobs und Privilegien fühlen diese sich in ihrer männlichen Identität bedroht. Und oft reagieren sie in ihrer Hilflosigkeit gekränkt oder sogar gewalttätig. Warum das bedrohlich werden kann und warum Männer selbst ein ureigenes Interesse an Geschlechtergerichtigkeit haben sollten, beschreibt das Buch "Heldendämmerung". "Das Patriarchat schadet der männlichen Gesundheit, verkürzt das Lebensalter und versaut das Lebensglück von Männern," weiß die Autorin Ute Scheub.

Die Journalistin und Autorin sammelte Interviews, Porträts und Fakten und hat ein Buch darüber geschrieben, weshalb die Krise der Männer und der Männlichkeit gefährlich ist. Dem Verlag Randomhouse beantwortete sie  wichtige Fragen dazu. Wir haben freundlicherweise die Genehmigung zur Veröffentlichung erhalten.

 

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Frau Scheub, Sie widmen sich in Ihrem Buch einem Krisengebiet, das so zentral und fundamental ist, dass man sich wundern muss, dass darüber so wenig gesprochen wird: die Krise der Männer. Wie äußert sich diese Krise?


Diese Krise reicht rund um den Globus und quer durch alle Bevölkerungsschichten. Die männliche Identität ist fragiler als die weibliche – aus verschiedenen Gründen, die ich in dem Buch näher erläutere. Wenn Männern Jobs und Posten durch Globalisierung und Wirtschaftskrise wegbrechen, sehen sich viele von Identitätsverlust bedroht. Männliche Identität kriselt heutzutage ganz oben und ganz unten, unter Bankmanagern genauso wie unter erwerbslosen Slumbewohnern, unter weißen US-Amerikanern genauso wie bei den Taliban. Die weltweite Vorherrschaft des weißen Mannes ist definitiv gebrochen, und nun streiten sich etliche um den frei werdenden Posten des Vorstandsvorsitzenden der Welt AG.


Frauen kämpfen seit vielen Jahrzehnten für Emanzipation und Gleichberechtigung. Ist diese Krise der Männer also eine gute Nachricht für Frauen?


Nein. Sie ist auch für Frauen bedrohlich, weil in ihrer Identität bedrohte Männer häufig zu Gewalt greifen, um ihre vermeintliche oder tatsächliche Herrschaftsposition zurückzuerobern. »Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich endlich wieder als Mann«, sagte ein Erwerbsloser, nachdem er seine Freundin verprügelt hatte. Das ist symptomatisch: vermeintliche Selbstermannung oder Selbstermächtigung durch Gewalt gegen Schwächere.


Manche Symptome dieser Krise, zum Beispiel die Selbstinszenierung einiger Staatsmänner als echte Kerle – man denke nur an den angelnden und Tiger erlegenden Putin – sind ärgerlich,zuweilen auch lächerlich. In anderen Teilen der Welt nimmt diese männliche Identitätskrise aber noch größere, ja bedrohliche Ausmaße an. Was beobachten Sie?


Auch der Tiger jagende Ministerpräsident ist durchaus bedrohlich. Hierzulande fiel es bloß niemandem auf, dass Putin das riesige sibirische Viech just in dem Moment mit einem Betäubungsgewehr niederstreckte, als der Kaukasuskrieg beendet war. Putins heimisches Publikum aber verstand sofort: Mit dem Tiger war der georgische Präsident Michail Saakaschwili gemeint. Um »wehrhafte« Männlichkeit zu beweisen, ziehen verunsicherte Männer im Extremfall in den Krieg – wie in Georgien, Ex-Jugoslawien, Afghanistan und vielen anderen Regionen geschehen. Aufgehetzt von skrupellosen Anführern, sehen solche Männer im Töten derer, die sie als Bedrohung empfi nden, den Ausweg aus ihrer Identitätskrise. Sie werden zu Tätern, aber sie sind auch Opfer einer verselbstständigten Pathosmaschinerie. Die Männer stecken in Zirkelschlüssen fest: Sie glauben, Krieg führen zu müssen, weil erst der Krieg sie zu »richtigen Männern« macht.


Untersuchungen zeigen, dass es allen Mitgliedern einer Gesellschaft – Männern, Frauen und Kindern – besser geht, wenn die Geschlechter möglichst gleichberechtigt sind. Sollte man die Männer nicht an Bord holen, wenn es darum geht, Demokratie und Gleichberechtigung in unseren Gesellschaften durchzusetzen?

Männer sollten in ihrem ureigenen Interesse an Bord des Dampfers klettern, der Richtung Geschlechtergleichheit geht. Zum Glück gibt es eine weltweit wachsende Bewegung engagierter Männer, die genau das tun – in meinem Buch berichte ich darüber. Zahlreiche Studien belegen: Das Patriarchat schadet der männlichen Gesundheit, verkürzt das Lebensalter und versaut das Lebensglück von Männern. Denn entgegen dem Tunnelblick mancher Feministin ist die Mehrheit der Opfer der zahlreichen Formen männlicher Gewalt ebenfalls männlich. Umgekehrt aber gilt: Staaten mit vergleichsweise hoher Gleichberechtigung sind innen und außenpolitisch deutlich friedlicher als patriarchalische Staaten, die Menschen dort sind wohlhabender und glücklicher, sie leben länger und zufriedener. Mich hat bei meinen Nachforschungen selbst überrascht, dass »Gedöns«, wie Ex-Bundeskanzler Schröder Geschlechterpolitik einmal nannte, einen so sagenhaft hohen positiven Wirkungsgrad hat – und zwar auch für Männer!