Weibchenschema

Der Mensch bleibt derselbe

Sie sind beste Freundinnen, bis eine von beiden sagt: Ich will ein Mann sein. Es folgen zwei Jahre Funkstille, bis sie wieder miteinander reden. Heute wissen sie, wie sehr uns Geschlechterrollen prägen.

Zwei blonde Haarschöpfe im Prinz-Eisenherz-Look, weiße Kniestrümpfe, Hemdblusen- kleid: Die kleinen Mädchen auf den beiden Fotos könnten Schwestern sein. Doch erst als Teenager lernen sie sich kennen, fängt ihre gemeinsame Geschichte an. Es ist die Geschichte einer besonderen Freundschaft. Tina und Heike, Heike und Tina. Und irgendwann: Heike und Martin. Denn – eine der Freundinnen ist heute ein Mann.

„Für mich war ganz früh schon klar, dass da etwas schief gelaufen ist mit meinem Körper. Eine Zeit lang dachte ich, mein Penis wächst ein bisschen später – ich war sehr enttäuscht, als gar nichts passierte. Ich habe mich nie als Mädchen oder als Frau gefühlt.“ Äußerlich erinnert nichts an Martins weibliche Vergangenheit: Er ist mittelgroß und eher kräftig, trägt ein breites Lederarmband am Handgelenk und die Haare sehr kurz; sie sind schütter, die männlichen Hormone fordern ihren Tribut. Martin, der in Wirklichkeit anders heißt, ist heute auch sichtbar ein Mann. Unsichtbar schon immer. Woher er das weiß? – „Woher weißt du, dass du eine Frau bist?“, fragt er die Reporterin.

Wie viele Menschen in Deutschland nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmen, ist nicht bekannt. Es gibt keine aussagekräftigen Statistiken – zu ungewiss ist die Dunkelziffer derer, die nach außen hin „normal“ leben. Aus Angst, Scham, Unsicherheit. Einigen reicht ein neuer Name mit dem begehrten weiblichen oder männlichen Pronomen. Andere, die wie Martin den Geschlechtswechsel mit allem Drum und Dran wählen, lassen sich nicht nur auf die lebenslange Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone und eine begleitende Psychotherapie ein, sondern unter Umständen auf mehrere nicht unkomplizierte Operationen. Lassen sich Brüste und Gebärmutter entfernen oder Hoden und Penis. Riskieren Funktionseinbußen und den Verlust des sexuellen Empfindungsvermögens. Wie groß muss die Not sein, um den eigenen Körper zur medizinischen Baustelle zu erklären?

Martins Not beginnt früh. Er wächst als Tina auf und versucht zunächst, sich mit seinem Körper und seinem Leben zu arrangieren. Der erste BH, der erste Lippenstift, das erste Mal Sex – das alles fühlt sich irgendwie komisch an, nicht richtig. Zu seinem Körper baut er nie ein Verhältnis auf, „fremdes Territorium“, sagt er heute. Das Gesicht im Spiegel ist ein Gesicht, kein „Ich“. Dazu die Anforderungen von außen: Die Tanten wollen, dass die Nichte sich schminkt, auf dem Tennisplatz soll das Mädel einen Rock tragen, und die Schülerin soll handarbeiten statt zu raufen. Als Teenager beschließt Tina: Wenn ich erwachsen bin, lasse ich mich zum Mann umoperieren und werde schwul. Mit 16 lernt Tina die zwei Jahre ältere Heike kennen. Von Anfang an liegen sie auf einer Wellen- länge. Die eine fängt einen Satz an, die andere beendet ihn. Sie sind fortan unzertrennlich.

Heike sitzt ohne ihren „Zwilling“ am Küchentisch und fährt sich durch die langen rotblonden Locken. Burschikos sei Tina gewesen, immer vorneweg, mehr sei ihr nicht aufgefallen. Schminkexzesse und Prinzessinnengehabe fanden beide doof, ansonsten war es eine normale Mädchenfreundschaft: gemeinsam shoppen, Diäten ausprobieren, über Jungs lästern. Sicher, Tina war oft unzufrieden, mit sich, dem eigenen Körper, der Umwelt. Ganz normaler pubertärer Weltschmerz, oder?

Aber der Weltschmerz endet nicht. Tina fühlt sich als Außenseiter, als Freak, probiert verzweifelt verschiedene Rollen. Versucht Weiblichkeit als Partnerin in einer betont heimeligen Zweierbeziehung zu leben. Scheitert. Die Frau, die Tina biologisch ist, ist sie nie. Sie leidet auch körperlich an dieser Zerrissenheit. So sehr, dass der ungeliebte Körper eines Tages streikt. Unerklärliche, heftige Schwindelanfälle treten auf, Angstattacken sind die Folge. Zu der Zeit teilen sich Tina und Heike eine Wohnung in Frankfurt; sie studieren gemeinsam und haben einen Freundeskreis. Sind rund um die Uhr zusammen, was ihre Freundschaft fast zum Platzen bringt: Es ist zu eng, zu intensiv, zu ausschließlich.

Sie habe es kaum noch ausgehalten, sagt Heike. Da hockt man ständig aufeinander, und plötzlich dreht einer völlig am Rad. Zickt rum, ist mal depressiv, mal reizbar, oder macht die Schotten dicht. Eine böse Zeit. „Was ist denn?“ – „Nichts.“ Die Kommunikation zwischen den besten Freundinnen tendiert gegen Null; beide leiden und können doch nichts ändern. Tina tingelt von Arzt zu Arzt, doch keiner kann helfen. „Ein Tumor vielleicht, kommen Sie zur Computertomographie!“ Die Panik wächst. Ein Augenarzt gibt schließlich den rettenden Tipp: eine Gesprächstherapie. Schnell geht es Tina besser. Und hat irgendwann – inzwischen ist sie Ende zwanzig – einen Moment der Klarheit und erkennt: Ich bin ein Mann. So einfach, so kompliziert.

„Spiel jetzt nicht den Macho!“

Schließlich bittet diese Heike zum Gespräch. Da sitzt sie nun auf ihrem braunen Lederzweisitzer unter dem Gummibaum, und Tina im Sessel gegenüber sagt: „Ich bin transsexuell.“ Monate zuvor hat sie sie bereits mit dem Geständnis, bisexuell zu sein, überrascht, und nun das. Die Information ist gewaltig – so gewaltig, dass nur ganz banale Gedanken bleiben: „Glaub nicht, du kannst jetzt den Macho spielen und ich mache den Haushalt!“ Martin erinnert sich an diesen Satz. Heike nicht. Aus ihrer Sicht war sie damals recht locker, wenn sie auch mit dem Begriff transsexuell nicht viel anfangen konnte. Martin war einfach nur erleichtert, so erinnert er sich; endlich war es heraus. Nun musste ein neuer Name her, ein neues Leben. Und ihre Freundschaft? Die beste Freundin auf einmal ein Kerl, geht das so einfach? Der eine war ungeduldig, die andere schlicht überfordert.

Heute, mehr als fünf Jahre später, ist die äußere Ähnlichkeit verschwunden; die lebhaften Gesten teilen sie noch immer. Während Heike, geschminkt und mit Pailletten am Shirt, die Beine übereinander geschlagen hat, sitzt Martin in Muskel-Shirt und Hemd raumgreifend in einem kleinen Berliner Café. Sie tasten sich durch die schwierige Zeit ihrer Freundschaft. Erklärungsversuche. Kränkungen klingen durch. Heike wollte zum Beispiel eine Abschiedsfeier für Tina. Es sei ihr um das Weibliche gegangen, so Heike heute. Sie habe die Freundin umtaufen, den neuen Namen feiern und Martin begrüßen wollen. Martin aber empfand es als Angriff auf seine Person: „Ich bin doch nicht tot!“ Dünnhäutig waren sie beide. Erst heute ist diese Verletzung wirklich Thema, damals blieb vieles ungesagt.

Martin machte das alles mit sich allein ab: „Ich weiß, dass ich meine Familie und meine Freunde damit überfordert habe. Aber mich selbst zu finden war etwas so Heiliges und Wertvolles, dass ich es erst einmal ganz für mich genießen wollte.“ Zum ersten Mal empfindet Martin keine Distanz mehr, ist ganz bei sich. Immerhin sucht Heike den neuen Namen mit aus. Doch verwenden kann sie ihn nicht. „Tina zu sehen und ›Martin‹ zu sagen war schwierig“, erzählt Heike rückblickend. Ein halbes Jahr lang eiert sie damals herum und verwendet bald gar keine direkte Anrede mehr. Obwohl sie auch erleichtert ist: Das also war es! Doch der Bruch ist nicht mehr aufzuhalten. Martin hat nur noch ein Thema, sich. Das wird Heike zu viel. „Ich konnte das nicht alles auffangen, hatte aber das Gefühl, ich müsste es, weil ich seine beste Freundin bin.“ „Seine“ und „er“, das geht ihr heute leicht von den Lippen. Berufsbedingt zieht Martin wenig später aus der gemeinsamen Wohnung aus – rückblickend die Rettung für ihre Freundschaft, das sehen heute beide so.

Auch für Martins Eltern ist die Vorstellung vom Tochter-Sohn schwer. Die Mutter fragt, ob sie etwas falsch gemacht habe. Der Vater sagt, er nehme ihm die Tochter weg. Auch er schafft es lange Zeit nicht, „er“ zu sagen, ihn so anzunehmen, wie er ist. So lange, bis Martins Leiden daran überhand nimmt: „Plötzlich hat man keinen Namen mehr, kein Pronomen, das ist ein entsetzliches Gefühl des Nicht-Vorhandenseins. Man ist einfach weg!“ Er droht, den Kontakt abzubrechen. Allmählich wird es besser, heute ist die Beziehung zu den Eltern entspannt. Nach einem langen Weg, nicht ohne Glücksmomente: den ersten an den neuen Namen adressierten Brief etwa oder als die Mutter vor ihren Freundinnen „mein Sohn“ sagt.

Bald nach dem Coming-out beginnt Martin, Testosteron einzunehmen. Eine unwiderrufliche Entscheidung, denn die männlichen Hormone verändern den Körper dauerhaft. Lassen Haare im Gesicht und an den Armen wachsen, senken die Stimme, beeinflussen Fettgewebe und Muskelaufbau. Martins zunehmend männliches Aussehen bringt Inneres und Äußeres zusammen und erleichtert die Umstellung. Zugleich beginnt eine Veränderung, die sich auch in der Beziehung zu Heike niederschlägt: Martin fängt an, wie ein Mann zu denken.

Heike hat ihre Freundin Tina verloren und dafür Martin gefunden.
An seiner Seite habe sie „ihre Weiblichkeit“ erst so richtig entdeckt, sagt sie heute 


Findet Mathe plötzlich logisch und kann sich besser räumlich orientieren. Multitasking dagegen wird schwierig. „Gleichzeitig reden und gehen, vergiss es!“!, witzelt Heike, beide gucken sich an und lachen. Sie reden anders miteinander. Martin wird ungeduldiger, er erträgt keine indirekten Ansagen mehr. Auf Heikes Frage „Ist dir nicht auch kalt?“ sagt er jetzt: „Komm zum Punkt! Wenn du willst, dass ich das Fenster zumache, sag es.“

Durch Martin hinterfragt Heike heute öfter ihr eigenes Verhalten als Frau – die Selbstverständlichkeit, mit der sie im Bus eingezwängt neben dem breitbeinigen Typen sitzt oder auf dem Gehweg diejenige ist, die ausweicht. Martin weicht nicht mehr aus; er hat seine neue Rolle gelernt, das war am Anfang nicht leicht. Was ziehe ich an als Mann? Wie bewege ich mich? Darf ich Wein statt Bier trinken, oder wirkt das feminin? In der Zeit des Übergangs, des „Passing“, macht Martin eine Fortbildung, arbeitet mit Technikern zusammen. Etwas fällt zu Boden, er hebt es auf und muss sich anhören: „Was bist denn du für ein Mädchen?“ Martin findet, dass Männer freier sind: „Männer dürfen scheiße aussehen, einen schlechten Tag haben oder einfach keine Lust, nett zu sein. Dürfen klar sagen: Nein, das will ich nicht!“ 

Wer sich in Deutschland für den Geschlechtswechsel entscheidet, muss zunächst einen Alltagstest bestehen. Er zeigt, ob der oder die Transsexuelle das Wunschgeschlecht in der Öffentlichkeit wirklich leben kann. Mit geschlechtsspezifischer Kleidung, verstellter Stimme und abgebundener Brust muss die neue Existenz mindestens ein Jahr lang gelebt werden.
Die Änderung des Geschlechtseintrages in Reisepass und Geburtsurkunde setzt zudem Unfruchtbarkeit voraus. Für die Einwilligung der Krankenkasse in die erforderlichen Operationen müssen die Betroffenen sich entblößen, seelisch und mitunter auch körperlich. Die Präsentation vor einem Gutachter verstärkt das Leiden am eigenen Körper oft noch.

Martin hat den Alltagstest bestanden, hatte Glück in Gestalt eines verständnisvollen Arbeitgebers. Martin ist Eventmanager und arbeitet viel im Kundenkontakt. Auch die Kollegen akzeptierten sein neues Ich überraschend schnell. In seinem privaten Umfeld hat Martins Geschichte dagegen einiges ins Wanken gebracht. Nicht nur die Vorstellung von der heilen Familie, Vater-Mutter-Tochter-Sohn, oder das Ideal der besten Freundin, sondern auch das Selbstverständnis des eigenen Körpers. Die Ankündigung der Jugendzeit, sich „umoperieren“ lassen, hat er inzwischen wahr gemacht und lebt heute tatsächlich in einer schwulen Beziehung.

Martins Weltschmerz ist vorbei. Auf dem Tisch des Cafés liegen kreuz und quer Fotos: Das kleine blonde Mädchen bei der Einschulung, der Teenager mit hennarot gefärbtem Haar, die junge Frau auf der Silvesterparty, ganz schick in schwarzer Spitze – Vergangenheit. Was empfindet Martin, wenn er die Bilder betrachtet? „Ich finde, dass ich komisch aussehe, verkleidet.“ Und Trauer, weil es so lange gedauert habe zu erkennen, was falsch ist. So viel vergeudete Zeit. An seine weibliche Sozialisation erinnert zu werden, Bilder eines Körpers zu sehen, den er nie wollte, das ist nicht leicht für ihn. Doch anders als viele andere Transsexuelle hat Martin keinen harten Schnitt gemacht und sein altes Leben nicht völlig abgetrennt. Er akzeptiert seine Historie, modifiziert sie jedoch, gleicht sie dem an, was hätte sein sollen. Wenn Martin heute jemandem von früher erzählt, dann sind das Geschichten von einem Jungen, der zum Mann heranwächst.

Auch Heike hat andere Bilder im Kopf als die auf dem Tisch, wenn sie von früher spricht. Ihre Freundin Tina existiert in der Erinnerung nicht mehr; sie sagt „Martin“ und „er“, selbst wenn sie die Zeit vor dem Coming-out meint. „Wenn ich von früher rede, dann ist das mittlerweile so sehr Martin für mich, dass das auch vom Aussehen her übersetzt wird. Ich habe dabei das Bild von Martin im Kopf, nur eben jünger.“ Würde sie Martin erst heute kennen lernen, würde sie ihn als Mann wahrnehmen, als schwulen Mann zwar, doch als Mann. Durch seine Männlichkeit hat sie ihre weibliche Seite entdeckt, ist mit ihm zusammen mehr „Mädchen“ als früher.

Und Tina, fehlt sie ihr gar nicht? „Nein. Es ist ja keine Veränderung, sondern nur eine Anpassung des Wesens, bis es so ist, wie es sein sollte. Der Mensch bleibt ja derselbe.“ Vielleicht nicht ganz derselbe, denn die Erfahrung, im falschen Körper aufzuwachsen, verändert, lässt aufmerksamer und kritischer sich selbst und anderen gegenüber werden. „Ich empfinde es durchaus auch als Geschenk“, sagt Martin.

Nach der Krise ist Heikes und Martins Freundschaft heute wieder stabil. Aber es hat gedauert, bis nach fast zwei Jahren Funkstille wieder die Herzlichkeit von früher erreicht war. Natürlich ist ihre Freundschaft heute anders. Nicht, weil Heike eine Frau ist und Martin ein Mann. Ihre Freundschaft ist einfach erwachsen geworden. 

 

 

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Claudia Höhn lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

 

Der vorliegende Text ist zuerst im „Magazin“-Heft 5/2009 erschienen. Wir danken herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. Das aktuelle „Magazin“-Heft zum Thema „Späztünder“ finden Sie noch bis zum Ende des Monats am Kiosk oder auch hier.

 

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