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Der Ministerpräsident

Ein Mann wird für den Wahlkampf fit gemacht, obwohl er sich kaum an den Namen der eigenen Partei erinnern kann: Joachim Zelters neues Buch ist eine wunderbare Politsatire – und mehr.

Ein Ministerpräsident, der sich nach einem Autounfall, nach zehn Tagen im Koma, an nichts mehr erinnern kann. Nicht an seinen Namen Claus Ursprung, nicht an den aktuellen Wahlkampf, nicht an seine politischen Freunde, zum Beispiel an den Wahlkampfmanager März, der einfach weitermacht, als sei der Claus Ursprung im Krankenbett derselbe Mensch, der er vor seinem Unfall gewesen ist.

Claus Ursprung spielt mit, meistens, lange, lässt sich manipulieren, hält Reden, deren Inhalt ihn kaum interessiert, weil er sie kaum versteht, fährt Fahrrad, weil das so dynamisch aussieht, versucht sich und die Welt wieder kennenzulernen. Und entkommt dem Wahlkampfteam zusammen mit Hannah, einer Frau, die ihm den Rücken stärkt, mit ihm flieht.

Keine Angst, es gibt kein banales Happyend. Dazu ist Joachim Zelter, 1962 in Freiburg geboren, mit über einem halben Dutzend Romanen ein zu erfahrener Autor. Dazu ist sein Stil zu präzise, zu schnörkelfrei, zu direkt. Warum Joachim Zelter trotzdem kein berühmter Autor ist, dessen neuer Roman in allen wichtigen Feuilletons besprochen wird? Vielleicht weil seine Bücher bisher alle im Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer erschienen sind. Dort kümmert man sich zwar engagiert um gute Literatur, aber die PR-Maschine ist im Vergleich zu denen der Großverlage wohl einfach zu klein.

Schade drum, so entgeht vielen Lesern ein Buch, das sich wirklich zu lesen lohnt. Aus mehreren Gründen. Weil es ungeheuer präzise die Folgen einer Gehirnschädigung beschreibt und wie die Umwelt damit nicht umgehen sollte. Weil Zelter so schön wie kitschfrei den Mut des Kranken und seine langsam erwachende Zuneigung zu Hannah schildert. Weil man das Buch aber außerdem als Polemik gegen die Politiker von heute lesen kann und als Politsatire. Oder als Entwicklungsroman von einem, der gezwungen wird, das Leben neu zu lernen.

Ich wünsche dem "Ministerpräsidenten" viele, viele, viele Leser!