Starke Frauen

Der Mut zum Sprung: Die Freestyle-Inline-Skaterin Aurore Costabile

Wenn es um Tricks und verrückte Sprünge in der Halfpipe geht, denkt man sofort an coole Jungs mit hängenden Hosen, tätowierten Oberkörpern und fehlenden Frontzähnen. Mädchen stehen daneben und schauen zu, oder? Die Französin Aurore Costabile zeigt, dass mittlerweile auch junge Frauen im harten Freestyle-Sport gekonnt mitmischen und sich mit vollem Schwung durch die Luft katapultieren.

Von: Sandra Rauch

vom 09.05.09

Aurore Costabile heizt über die Rampen, springt hoch in die Luft, dreht sich gekonnt um die eigene Achse bevor sie landet und gleich weiter zum nächsten Hindernis rast. Noch ein bisschen mehr Speed, schon ist sie auf dem Geländer, rutscht es mit schräg gestellten Inline-Skates hinunter. Perfekte Landung, très cool! Die junge Französin lacht, fährt an den Rand, lässt eine andere Fahrerin ihre Kunststücke zeigen.

Es ist Mai, es ist das FISE in Montpellier, der größte Freestyle-Wettbewerb für Sportarten wie BMX, Inline-Skating, Skateboard oder Wakeboard in Europa. Letztes Jahr hat Aurore hier den dritten Platz beim Girls Roller Contest geholt, dieses Jahr startet sie bereits als Profi. Die zierliche 20-Jährige aus der Nähe von Paris ist Aggressive Inline-Skaterin. Bei dieser Variante des bekannten Rollschuhsports zeigen die FahrerInnen atemberaubende Tricks, wie Sprünge, Drehungen und Salti oder das gekonnte Gleiten über Geländer. Der Trainingsplatz ist dabei meist vor der Haustür, vor allem in Großstädten finden sich genügend Hindernisse, an denen sich immer neue Stunts ausprobieren lassen.

 

Doch die Rampen und Halfpipes sind klassisches Jungs-Revier, und am Anfang skatete bei den Costabiles auch nur Aurores Bruder Kevin. Doch Aurore war von den Tricks der Jungs so begeistert, dass sie es selbst ausprobierte. Da war sie 13 und es dauerte nicht lang, bis sie fast jeden Nachmittag im Skatepark von Bercy verbrachte. Den Mut mit vollem Tempo abzuheben und den Trick konzentriert durchzuspringen, war das eine, das Aurore damals gelernt hat. Das andere war die Kraft sich durchzusetzen. Gegen den Widerstand der Eltern, die von dem neuen Hobby ihrer Tochter anfangs gar nicht begeistert waren: „Das ist nichts für Mädchen“, musste sie sich immer wieder anhören. Und gegen die coolen Jungs in den Freestyle-Rampen, die sich von einem Mädchen nun schon gar nichts vormachen lassen wollten. Denn andere Mädchen, die skateten, gab es damals nicht, erst nach und nach hat Aurore einige Freundinnen gefunden, die mit ihr zu Hause in Paris trainieren. 

Doch so gekonnt die Aurore und die anderen Mädchen und Jungs beim FISE und anderen Wettbewerben ihre Stunts auch präsentieren - Stürze gehören bei Extremsportarten zur Tagesordnung. Nur wer Mut zum Risiko besitzt und auch nach Verletzungen die Nerven hat, den Sturz zu „vergessen“ und weiter zu trainieren, ist erfolgreich. Ein Grund, warum Frauen in diesen Sportarten immer noch die Minderheit sind? „Ich glaube, Frauen sind für das extreme Risiko viel zu vernünftig“, sagt Hervé André Benoit, der das Extremsportfestival in Montpellier organisiert. „Deswegen gibt es zum Beispiel nur wenige BMX- oder Skateboard-Fahrerinnen.“ Beim Wake- oder Snowboarden sehe es dagegen schon anders aus: Hier fällt man auf Schnee oder Wasser und nicht auf den Asphalt, das Verletzungsrisiko ist geringer. In diesen Sportarten gibt es mehr Mädels, ungefähr 20 Prozent der Wakeboarder sind weiblich.

Etwas zurechtgebogen klingt Benoits Erklärung, denn so weich ist der hartgefrorene Schnee in der Halfpipe der Snowboarder oder der Aufprall beim Wakeboarden nach Nichterwischen der Sprungschanzen nun auch wieder nicht. Trotzdem scheinen Mädchen heutzutage immer noch eher auf Vernunft getrimmt zu werden, während Jungs gerne auch mal etwas Riskantes probieren dürfen.

Doch egal, ob die weibliche Angst vorm Risiko nun genetisch bedingt, anerzogen oder nur ein sich hartnäckig haltendes Klischee ist: Aurore Costabile hat auf jeden Fall keine Angst vorm Stürzen. „Was ich fahre, hängt sehr von meinem Gefühl ab“, sagt sie. „Wenn ich fühle, dass ich einen Trick nicht schaffe, mache ich ihn nicht.“ Bislang hat sie ihr Gefühl vor größeren Verletzungen wie Knochenbrüchen bewahrt. Und auch ihr Mut und ihre Begeisterung sind nach wie vor ungebrochen: Für die Zukunft habe sie zwei Ziele, sagt Aurore. Das eine: noch schneller fahren können. Das andere ist die Idee, ein eigenes Inline-Skate-Event nur für Frauen zu veranstalten. 

 

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Sandra Rauch, geboren 1977, lebt und arbeitet als freie Journalistin in Bad Wörishofen. Ihre Schwerpunkte sind Text und Bild für Print- und Online-Medien im Bereich Reise, Outdoorsport und Wirtschaft.

 

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Bildnachweise: 

1. Aurore Costabile (FISE). Foto von: Petra Gross, www.divers-travel-guide.com
2. u. 3. Aurore Costabile. Foto von: C. van Hanya/Edgerider, www.fise-events.net