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Der neue Freund

Ich bin 27 und er ist gerademal 20. Ich bin verliebt, und er ist perfekt. Aber sieben Jahre Unterschied? Sind das die Vorboten der Midlife-Crisis?

Ja, es ist wundervoll. Ich bin frisch verliebt. Er ist toll. Er sieht fantastisch aus, er studiert Medizin, sein Auto ist sechseinhalb Meter lang und hat heizbare Massagesitze. Er trägt nur die feinsten Stoffe, hat in jedem Zimmer seiner penibel aufgeräumten 100-Quadratmeter-Wohnung mindestens einen Flachbildfernseher und drei Subwoofer stehen, und er investiert sogar in Aktienfonds, die jedes Jahr ein paar Tausend Euro abwerfen. Er ist aufmerksam und sensibel, er schenkt mir Blumen und lädt mich zum Essen in teure Restaurants ein. Er ist perfekt, und die Länge seines Autos hat wirklich nichts mit seinen Fähigkeiten und Beschaffenheiten als erstklassigem Liebhaber zu tun. Aber es gibt trotzdem ein Problem: Er ist jünger als ich – und er heißt auch noch so!

Ich bin 27, und er ist gerade Mal 20. Das sind sieben Jahre. Siebeneinhalb, um ganz genau zu sein.
Ihnen erschließt sich die volle Dramatik dieses Unterschiedes nicht sofort? Dann bedenken Sie folgendes: Als ich meine erste „6“ in Mathe schrieb, wurde er gezeugt. Und als ich den „Freischwimmer“ machte, hat er das Babyschwimmen besucht. Als ich Abitur gemacht habe, war mein neuer Freund noch nicht einmal in der Pubertät – und als ich mein Studium abgeschlossen habe, hat er grad Mal fürs Abitur gelernt.
Ergo bin ich eine von jenen alten, aufgetakelten Frauen, die einen jüngeren Lover hat, einen 20-jährigen Jüngling. Ich habe einen Mutterkomplex. Eine ganz klare Sache ist das! Nun mag mein junger Freund den Ausdruck „Jüngling“ nicht besonders und hat mich darum gebeten, ihn nicht in seiner Gegenwart zu verwenden. Seitdem spreche ich von meinem „Lüttjen“ – und komme mir sehr alt, sehr mütterlich und sehr pädagogisch vor.

Neulich rechnete er mir vor, dass ich, genau genommen, seine Lehrerin hätte sein können. Diese Phantasie fand er sehr aufregend, ich hingegen bekam einen kurzen Herzaussetzer und keine Luft mehr. Und weil mein neuer Freund, wie oben erwähnt, ein angehender Mediziner ist, hat er gleich einen Infarkt diagnostiziert und erklärt: „Bei älteren Menschen ist das Risiko ja auch höher…“

Seither ist nichts mehr, wie es mal war. Morgens stehe ich vor dem Spiegel und zähle meine Falten, ich messe mit einem Zentimeterband den Abstand zwischen Boden und meinen Brüsten, protokolliere das täglich und stelle mit paranoider Beklemmung fest: Die Schwerkraft wird ihren Tribut verlangen, Push-Up hin oder her, jeden Tag ein paar Millimeter! Ich creme mich jetzt mit Anti-Falten-Creme ein, habe mir eine Stützstrumpfhose besorgt und mich durch das gesamte Anti-Aging-Programm der Drogerie meines Vertrauens gekauft.

Sicherheitshalber mache ich jetzt nur so Sachen, die Teenager sonst so machen. Ich habe mich bei sämtlichen Socialnetworks angemeldet, mein Profil bei Myspace, Facebook, StudiVZ und zur Vermeidung eines Restrisikos auch bei SchuelerVZ gepimpt, ich habe die Charts auswendig gelernt und mich bei Deutschland sucht den Superstar (DSDS) beworben. Ich habe die Bravo, Bravo-Girl und Bravo-Sport abonniert und mir alle Songs von Tokio Hotel gut eingeprägt. Und dann war ich in einer U18-Boutique, in der sich Größe 38 wie Größe 32 in den Boutiquen für erwachsene Frauen anfühlt und in denen es nur unvorteilhaft sitzende Hüfthosen gibt. Dort habe ich mir sexy Unterwäsche gekauft. Sie ist mit Comicfiguren wie „Snoopy“ und „Hello Kitty“ bedruckt. Ich dachte, Jungs mit 20 stehen drauf.

Am schlimmsten sind aber die Reaktionen aus meinem Umfeld. Die klingen pädagogisch, bisweilen sogar so, als seien sie gut gemeint. Furchtbar, es klingt beinahe so, als freuten sich alle meine Freunde und meine Familienmitglieder für mich! Mein schwuler, bester Freund sagt: „Er ist immerhin SCHON 20!“. Meine große Schwester findet: „Sieben Jahre ist nicht so viel. Du könntest zumindest NICHT seine Mutter sein.“ Meine beste Freundin schlägt vor: „Ist doch klasse, den kannst du dir noch so zurechtformen, wie du willst!“ Mein Ex-Freund fragt: „Liegt es an mir?“ Und mein neuer Freund selbst vergleicht uns mit Demi Moore und Ashton Kutcher. Die sind immerhin 17 Jahre auseinander. Er sagt auch: „Ich liebe dich.“ Und ich antworte: „Du bist sogar NOCH jünger als meine kleine Schwester.“

Übrigens: Seine Kumpels beneiden ihn. Seine Eltern sind unverschämt nett. Sie scheinen mich wirklich zu mögen. Oder sie sind sehr gute Schauspieler. Ich jedenfalls habe mich gefragt, warum sie sich nicht fragen, was bei mir nicht stimmt. Oder bei ihrem Sohn. Oder sich, ob sie etwas falsch gemacht haben. Vielleicht haben ja auch meine Eltern etwas falsch gemacht – mit mir? 

Das wird es sein. Irgendwas muss es ja sein. Wir sollten alle eine Therapie machen.

Das seltsamste ist aber, dass vor allem ich selbst es nicht normal finde, dass mein Freund sieben Jahre jünger ist. Vielleicht ist das jetzt die erste große Krise in meinem Leben. Ich meine, 27 Jahre – das ist schon eine verdammt lange Zeit. Das ist mehr als ein Vierteljahrhundert, das ist im Grunde steinalt, ich = Dinosaurier, ich stehe mit mindestens einem – zumindest noch krampfaderfreien - Bein im Grab, das andere kämpft gegen Zellulite, Falten und Hängebrüste, gegen die biologische Uhr und Jugendwahn, gegen den eigenen, unaufhaltbaren Zerfall.

Aber neulich konnte ich dann doch aufatmen: Mir ist aufgefallen, dass ich immerhin mehr Pickel habe als mein junger Freund.