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Der Regen, bevor er fällt

Jonathan Coe erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte von drei Generationen von Frauen, verwoben durch ihre andauernde Suche nach Liebe und Glück.

Jonathan Coe gelingt es, den Leser von den ersten Seiten an zu fesseln und mit der Beschreibung von Familienfotos starke sinnliche Präsenzen zu schaffen: Man sieht die Menschen auf den Bildern deutlich vor sich, kann die Musik hören, die sie hören, und den kalten Wind auf der Haut spüren, wenn sich zwei Kinder nachts im Wald verstecken.

 

Als Rosamond merkt, dass ihr Tod kurz bevorsteht, macht sie es sich zur Aufgabe, der blinden jungen Frau Imogen, die als Kind adoptiert wurde, ihre Herkunftsgeschichte zu erzählen. Dafür hat sie zwanzig Fotografien ausgewählt und bespricht Tonbänder, um zu beschreiben, was auf ihnen zu sehen ist: Wer sind die abgebildeten Personen, was kann man aus ihren Gesichtern lesen, in welcher Beziehung stehen sie zueinander und zu Imogen, wo wurde das Bild aufgenommen? Jedes dieser Bilder sieht man schließlich so deutlich vor sich, dass Geschichten um sie herum lebendig werden. 

 

Auf den ersten Bildern geht es vor allem um die Beziehung zwischen Rosamond, der Erzählerin, und Beatrix, der Großmutter Imogens. Beide verbrachten ihre Kindheit gemeinsam, nachdem Rosamond während des Zweiten Weltkriegs aufs Land geschickt wurde, um der Bombardierung Großbritanniens zu entgehen. Die Kinder sind in dieser Zeit absoluter Kälte und dem Desinteresse vonseiten der Erwachsenen ausgesetzt und klammern sich entsprechend aneinander, woraus sich eine lebenslange Freundschaft  entwickelt, die Beatrix jedoch immer auch wieder auch für ihre Zwecke ausnutzt.

 

Während Beatrix schnell durch eine ungeplante Schwangerschaft und frühe Ehe in ein Leben schlittert, das hier und da aus den Fugen gerät, verliebt sich Rosamond bald in eine Frau, die sie an der Universität kennen lernt. Beide zusammen nehmen schließlich Beatrix' Tochter zu sich, als die Mutter die Verantwortung für das Kind nicht mehr tragen kann. Doch Beatrix taucht wieder auf, holt sich ihre Tochter nach einigen Jahren wieder zurück – und wiederholt an ihr die Fehler ihrer eigenen lieblosen Erziehung. Fehler, unter denen auch Imogen, ihr Enkelkind, später zu leiden hat. 

 

Coes Roman erinnert stellenweise an „Die Abbitte“ von Ian McEwan, jedoch ohne dessen Düsternis und Bitterkeit. Denn trotz der Tragik der Familiengeschichte, um die es hier geht, nimmt die Erzählerin ihr Leben immer so an, wie es ist.

 

Rosamond steht dabei immer am Rande des Geschehens, versucht einzugreifen und zu helfen, fragt sich aber auch, ob sie nicht gefühlsmäßig zu stark verstrickt ist, um zu erkennen, was zu tun ist. Trotz aller Widrigkeiten sucht sie aber nicht nach Schuldigen. Sie ist sich sicher, Imogen werde ein glückliches Leben führen, unabhängig von den Umständen ihrer Herkunft. Und trotz aller Verfehlungen und Schwächen der Personen um sie herum und der tragischen Auswirkungen, die sich daraus ergeben, bleibt sie immer voller Wärme und Verständnis.

 

Beschäftigte sich Coe in seinen vorherigen Romanen oft mit dem Männlichen oder einer Art Archetypus des Mannes, so beschreibt er in Interviews, überrascht von sich selbst, dass er sich beim Schreiben dieses Romans selbst als Rosamond gefühlt habe, neue Seiten an sich und seiner Beziehung zu den eigenen Töchtern entdeckt habe. Dass er sich in dieser Position, als weibliche, dreiundsiebzigjährige Ich-Erzählerin, sehr wohl gefühlt hat, merkt man dem Buch deutlich an. Eine emotionale, höchst fesselnde Geschichte, die von Jonathan Coe meisterhaft erzählt wird.