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"Der Tanz der seligen Geister"

Fünfzehn Erzählungen von der renommierten Autorin Alice Munro.

Junge Mädchen, Teenager, Heranwachsende sind die Heldinnen und manchmal auch Helden in Alice Munros Kurzgeschichtensammlung "Der Tanz der seligen Geister". Die 1931 im kanadischen Ontario geborene Munro gilt als bedeutendste lebende Short Stories-Autorin, Jonathan Franzen hält sie für besser als Tschechow.

 

Alice Munro begann spät mit der Schriftstellerei, ihre ersten Geschichten erschienen 1968, nachdem sie längst verheiratet und Mutter von vier Töchtern war. "Der Tanz der seligen Geister" (Originaltitel: "Dance of the Happy Shades") versammelt diese frühen Erzählungen, die erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurden.

 

Erstaunlicherweise wirken die fünfzehn Stories nicht wie Erstlingswerke, sondern sind wie Munros spätere Texte reif und rund. Meisterhaft versteht es Alice Munro, die schwierigen Jahre zwischen Kindheit und Erwachsenenleben darzustellen, nie stellt sie ihre Charaktere bloß, sondern skizziert sie mit Wärme und Empathie. Ihre Sprache ist einfach und klar, dabei voller Liebe zu Detail und mit Blick für das scheinbar Nebensächliche -- an dieser Stelle sei ein großes Lob an ihre Übersetzerin Heidi Zerning gerichtet, die Alice Munros "deutsche Stimme" ist und den besonderen Zauber von Munros Formulierungen präzise ins Deutsche überträgt.

 

Alle Erzählungen spielen auf dem Land, in trostlosen kanadischen Ortschaften inmitten endlos weiter Landschaften oder in den Vororten nicht genannter Städte. Wie in den Gemälden Edward Hoppers schwingt neben dem dezidierten Realismus eine tiefe Melancholie und etwas Unausgesprochenes mit, die prächtigen Farben heben die Einsamkeit der Dargestellten noch hervor. Das Leben von Munros Protagonistinnen ist meist hart, die jungen Mädchen, die eigentlich noch Kinder sind, verrichten die gleiche Arbeit wie ihre Eltern, helfen im Tante Emma-Laden aus, verdingen sich als Dienstmädchen, müssen ihren Vätern beim Füchsehäuten helfen und außerdem auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen - oder begleiten ihre gelangweilten Mütter zu  Veranstaltungen, die nur Peinlichkeiten bereithalten.

 

Alice Munro konzipiert ihre Erzählungen nicht auf knallige Pointen hin, häufig lässt ein offenes Ende Raum für eigene Interpretationen. Munro findet treffende, einfühlsame Worte und Bilder für die Befindlichkeiten Jugendlicher, wie Unsicherheit, Zorn und Scham, wobei buchstäblich jedes Wort wichtig ist: Die Stories sind so kunstvoll gewoben, dass jeder Halbsatz eine überraschende Volte bergen kann. Munro unterscheidet nicht zwischen "großen" und "kleinen" Ereignissen, alle Begebenheiten sind bedeutsam und erzählenswert -- "Der Tanz der seligen Geister" ist die lohnende Neuentdeckung einer renommierten Autorin.

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend ist sie Musikredakteurin des Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine.


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