Reizthema

Der Teufel, die Frauen und Lars von Trier

Lang erwartet, schwer umstritten: „Antichrist“ ist in die Kinos gekommen – und erntet, wie abzusehen war, scharfe Kritik. Der neue Film von Lars von Trier sei erschreckend frauenfeindlich, so heißt es, denn er habe nur eine Botschaft: Alles Weibliche ist die Hölle!

Ein Mann, eine Frau, ein Kind. Und ein Film, der von einer Todsünde handeln soll: Denn die beiden Erwachsenen haben Sex und zeugen dabei – nein, nicht noch ein Kind. Sondern eine Schuld. Eine so schwere Schuld, dass an ein „Weiterleben wie bisher“ nicht mehr zu denken ist. In Lars von Tiers neuem Kinowerk „Antichrist“ tobt deshalb über mehr als zwei Stunden die Hölle. Dabei beginnt alles doch mit einem Liebesakt, an dem sich die Kamera zeitlupennah weidet: Man sieht, wie das Elternpaar sich dem Höhepunkt seiner Lust nähert – während im Hintergrund dazu ihr zweijähriger Sohn aus dem Bett steigt, in ein offenes Fenster krabbelt und von hier in den Tod stürzt. Ein Film, der so beginnt, hat natürlich schon mal ein Problem: nicht alle Tassen im Schrank. 

Aber konnte man eigentlich anderes erwarten? Lars von Trier hat schon immer gewusst, wie man ein Kinoereignis so mit Irrsinn und Horror würzt, dass am Ende sehr vielen Leuten der Magen drückt. So auch hier: Für die Dreharbeiten sei sie „zwei Monate blutüberströmt und schreiend durch einen Wald gelaufen“, erzählt Charlotte Gainsbourg dieser Tage in Interviews. Und damit deutet die Schauspielerin, die die weibliche Hauptrolle verkörpert, nur an, um was es in „Antichrist“ geht: eskalierende Gefühle und ein reichlich mörderisches Treiben. 

Aber damit noch nicht genug. Denn es sind eigentlich nicht diese Schauer- und Gruselelemente, über die Kritiker derzeit entgeistert das Haar sich raufen. Vielmehr noch ist es ein hochproblematisches Geschlechterbild, das der Film transportiert, das weit und breit Unverständnis hervorruft: Hat Lars von Trier es diesmal übertrieben? Und einen Film gedreht, an dem noch viele zukünftige Genderstudies-Seminare ihre helle Freude haben können: weil er unerhört misogyn ist?

Tatsächlich hat Lars von Trier schon immer dazu geneigt, Frauen in seinen Filmen einmal quer durch die Hölle zu jagen: In „Breaking the Waves“ (1996) oder „Dancer in the Dark“ (2000) etwa opfern sich Frauen qualvoll auf, um ein Kind oder den Geliebten zu retten (und natürlich das Gute auf Erden gleich mit). In „Antichrist“ ist die Situation allerdings eine etwas andere: Hier ist es die zentrale Frauenfigur selbst, die das Böse gebiert. Zum Leid eines Mannes, der nun mit aller Gewalt um sein Leben kämpfen muss. 

Lars von Trier verteilt dabei die Rollen von „männlich“ und „weiblich“ so, dass selbst diejenigen, die ihm eigentlich gewogen sein wollen, die Hände nur noch über den Kopf zusammenschlagen können. Da ist einerseits der Mann, ein gestandener Psychotherapeut, der mit allen Mittel der Vernunft und seines Berufs versucht, den Tod seines Kindes schnell zu verschmerzen. Und auf der anderen Seite eine Frau, die er sich zur Patientin macht – und die dennoch das gleiche nicht schafft. Um sich der Trauer, den Neurosen und Schuldgefühlen zu stellen, zieht das Paar bald in ein Blockhaus im Wald, doch inmitten wildester Natur lernt die Frau nicht, wie gedacht, ihre Verzweiflung besser in den Griff zu bekommen. Sondern sie gerät selbst „animalisch“ außer Kontrolle, mutiert zur bösen Furie und entwickelt dabei Kräfte, die nun wiederum ihm das Fürchten so richtig lehren. Dabei wird der Sex immer blutiger, das Seelenmassaker immer abgedrehter – bis er schließlich zum letzten Mittel greift und sie da endet, wo „unberechenbare Weiblichkeit“ im Mittelalter auch schnell landen konnte: auf einem brennenden Scheiterhaufen.
 
Um Himmels Willen! Leidet Lars von Trier nun an Hexenwahn? Oder darf man dem Dänen so leicht nicht alles abnehmen, was seine Filme oft ästhetisch reizvoll, aber auch in grellen Farben beschwören, stets mit Gespür für das, was schockiert? „Zuviel Normalität tut nicht gut“, hat der Regisseur einmal bekundet. Das erklärt nichts, aber legt zumindest schon mal eine Spur zu den eigentlichen Dämonen, gegen die der Filmemacher hier vielleicht auch ankämpft. Der Teufel, den Lars von Trier so fürchtet – vielleicht ist der ja gar nicht weiblich? Sondern nur ein Moment, in dem niemand mehr hinschaut? 

Die Journalistin Kerstin Decker hat übrigens unlängst ein cleveres Porträt veröffentlicht, das die Begegnung mit diesem Mann einfängt, der anscheinend kein Extrem scheut. „Herr von Trier – ist ‚Antichrist‘ vielleicht gar keine Verdächtigung der weiblichen Sexualität? Ist es in Wahrheit ein Anti-Therapeuten-Film?“ fragte die Journalistin darin etwa nach. Aber Lars von Trier wäre natürlich nicht der, der er ist, wenn er hier Rede und Antwort stehen würde. Nein, von jemandem, der in seiner Kindheit so viel Freiheiten erfuhr, dass er sich bis heute nicht davon erholt hat – wie Kerstin Decker meint –, darf man wohl alles erwarten, aber keine Festlegung. Mag sein, dass Lars von Trier sich diesmal mit „Antichrist“ entschieden zu weit zum Fenster hinausgelehnt hat. Aber stört ihn das? Vielleicht ist ja auch die Anfangsszene ein Angebot, einfach das Ganze mal vulgärpsychologisch auf die leichte Schulter zu nehmen: Lieber ein heftiger medialer Fenstersturz, als dass der „Antichrist“ noch spurlos an uns vorbeigehe?