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Der wunde Punkt

Der Autor Mark Haddon verzeiht seinen Figuren die dümmsten Fehler, die er ihnen andichtet, und holt sie immer wieder aus den Höllen, in die er sie schickt. Auch sein zweiter Roman "Der wunde Punkt" ist eine Meisterleistung.

Spottlachen, mitleidiges Lächeln, Schadenfreude und, vielleicht zum Abschluss einen Schuss Selbsterkenntnis – das alles bietet Mark Haddon mit der Schilderung einer typischen Zwei-Kinder-Standard-Familie aus dem Bürgertum Englands. Mit nur etwas anderen Worten könnte es sich auch um ein Intellektuellenpaar aus Berlin handeln. Oder brave Kaufleute aus einer französischen Kleinstadt.

Damit gelingt dem englischen Autor zum zweiten Mal eine Meisterleistung. Nicht der ganz große Roman à la Thomas Mann, Dostojewski oder Grass, aber ein Buch, dessen Lektüre der Leser rundum genießt und an das er sich später gerne und immer mit einem Lächeln erinnert.

In seinem ersten Roman „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“, der mit 17 Literaturpreisen ausgezeichnet und schnell zum Weltbestseller wurde, ging es um einen autistischen Jungen, der bei der Aufklärung eines Hundemordes ganz langsam Mitgefühl entwickelt. „Der wunde Punkt“ dreht sich um den sehr viel durchschnittlicheren mittelalten Familienvater George, der beim Anprobieren eines Beerdigungsanzugs einen seltsamen Fleck auf seiner Hüfte entdeckt – und sofort überzeugt ist, er werde demnächst an Krebs sterben. Es geht um seinen schwulen Sohn Jamie und dessen Freund, um Tochter Katie, die zum zweiten Mal heiraten will, und um die geduldige Ehefrau Jane und ihren Liebhaber, den guten Nachbarn.

Klingt allzu durchschnittlich? Ist es nicht. Es ist noch nicht einmal „allzu“ menschlich, sondern eine geniale Mischung aus spitzem Sarkasmus, liebevollem Humor und supergenauer Beobachtung des Alltagslebens. Mark Haddon liebt seine „Helden“, er verzeiht ihnen auch die dümmsten Fehler, die er ihnen andichtet, und holt sie mit wenigen überraschenden Sätzen wieder aus der Hölle heraus, in die er sie vorher verbannt hatte. Deshalb hat dieses Buch sogar ein Happyend, nicht strahlend „happy“, aber zu einem friedlichen Küchenessen des Ehepaares mit Lasagne reicht es.

Völlig normale Verhältnisse. Wie bei mir und dir, Ihnen, uns allen. Wir fürchten uns, poltern los, fliehen vor unangenehmen Wahrheiten, betrügen den Partner, erfinden kleine Lügen (große wären zu mühsam) und leben meistens „so vor uns hin“. Bis wir „Der wunde Punkt“ gelesen haben. Denn der sagt uns, dass das Leben zu schade ist für diffuse Ängste, Sport mit dem falschen Partner, Vorwürfe wegen Dingen, die sich nicht ändern werden, Liebeskummer und Langeweile. Und dass es sich trotz all dieser Unvermeidbarkeiten lohnt.

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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