Women only

Des Mannes bestes Stück

Männer und Putzen – ein Begriffspaar, das auf den ersten Blick nicht so recht zusammenzupassen scheint. Scheut Mann doch in der Regel jegliches Utensil, was Schmutz nur im entferntesten beseitigen könnte. Gilt für ihn nichts so unmaskulin als sich mit Putzlappen, Fensterleder oder Wischtuch in der Hand öffentlich zur Sauberkeit zu outen. Dachte ich zumindest ...

Umso erstaunter war ich, welcher Anblick sich mir an einem Dienstag Vormittag bei Mr. Wash bot, als ich nach einer Autowäsche in die obere Etage zur Staubsaugeranlage fuhr: Fußmatten, aus denen mit vereinter Kraft die letzten mikroskopisch kleinen Krümel herausgeschlagen wurden, blitzende Alu-Felgen, bei denen auch im hinterletzten Zwischenraum der Dreck keine Chance hatte, weil er vom Besitzer mit einer Art Interdentalbürstchen fein säuberlich herausgepuhlt wurde, Fensterscheiben, die mit konzentriert kreisenden Wischbewegungen, unterbrochen von immer wieder prüfenden Blicken, auf Spiegelglanz herausgeputzt wurden.

Ich stand da und staunte. Hier halten Männer also die heimliche Morgentoilette für ihr Alter Ego ab. Nach einer gründlichen und lackschonenden Duscharie, bestehend aus Vorwäsche mit heißen Duschmitteln unter Wasserstrahl, die an den bekannten Problemzonen Front und Heck mit besonderer Sorgfalt reinigen, einer anschließenden Bearbeitung des Karosseriebodys mit weichem Textil und warmem Wasser sowie Heißluft-Trocknung aus bis zu elf Luftkanälen, wurde nun Intimpflege mit extra saugstarken Düsen betrieben. Männer wissen, was Autos wollen. Egal ob Porsche, Golf, Mercedes, Audi oder Opel, Jung oder Alt, schicker Anzugträger, Normalo in Jeans, Hängebauch über Bundfaltenhose oder Türkenbollidenfahrer; sie alle scheint eins in ihrer Männlichkeit zu einen: der Kult ums Blech.

Manche Frau, die sich zum Thema Gleichberechtigung im Haushalt bereits den Mund fusselig geredet hat, wäre wahrscheinlich baff gewesen ob derart ausschweifender Reinigungsaktivitäten ihres Liebsten. Und vielleicht auch ein wenig eifersüchtig darauf, wie Mann die Kurven seines Modells bearbeitete: behutsam, aufmerksam, respektvoll.

In der Waschstraße wird es offensichtlich: Das Auto, des Mannes bestes Stück. Ist es doch Ausdruck von „Ich bin wer“, „Ich kann mir was leisten“ und „Ich hab was drauf“, nämlich 'ne Menge PS unterm Hintern und Testosteron im Tank. Bekannt ist das deutsche Phänomen der Autoverehrung ja schon lange. Clevere Waschanlagen-Betreiber wie Mr. Wash haben nun die Beautysalons dafür geschaffen. Denn heute muss ja alles gepimpt werden, was geht; so auch des Mannes schillernde Rüstung für das nächste Überholmanöver im Straßenfeldzug oder für den Aufsehen erregenden Eroberungsfeldzug der Herzdame. Vielleicht aber auch, um einfach nur gut drauf zu sein in seinem Wohlfühlmobil. „Sauberes Auto, gute Laune“, lautet schließlich Mr. Wash's Credo.

Der Mercedes-Besitzer sah zumindest äußerst zufrieden aus, als sein Augenstern von Mr. Wash, gekleidet in weißer Schürze, mit einer pulsierenden Wachswiener-maschine verwöhnt wurde. Wellness fürs Auto – Mr. Mercedes Benz goutierte diesen Service mit einem Dauergrinsen. Ob es Stolz war ob solch geballter PS-Stärken oder das Gefühl, beim Anblick der Behandlung auch selbst in den Genuss einer Ganzkörpermassage zu gelangen, konnte ich nicht genau erkennen. Ich dachte mir nur: meine Herren! Und fuhr meinen Fiat, der lediglich seine längst fällige Dreck- und Staubentkrustung erhalten hatte, vom Gelände.

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Marietta Miehlichs Gedankennotizblock ist virtuell. Auf ihrer Website „Netschatz“ hält sie fest, was ihr auffällt, was Frauen heute beschäftigt und was ihr in der Welt und im Netz sonst noch so begegnet.

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Fotonachweise:


1. Alexander Gebetsroither (via photocase.com)
2. Marietta Miehlich
3. Jelka (via photocase.com)