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Diagnose: Torschlusspanik!

Jetzt nur nicht verkrampfen.

Die Indizien

 

Es begann damit, dass die übliche kleine Sonntagabend-Depression auf den Montag übergriff- und bald darauf auf die ganze Woche. In Form einer kleinen anhänglichen Einsamkeit wartete sie jeden Abend auf meinem Kopfkissen, ließ sich auch durch exzessives Ausgehen nicht vertreiben.
Ein immer wiederkehrender Gedanke begann mein Denken zu beherrschen: Ich möchte nicht länger Single sein. Ich möchte mein Leben mit jemandem teilen. Jemand, der mich fragt, wie mein Tag war. Jemand, dem ich in die Augen schaue und die Welt darin finde.
So weit so gut. Das Problem war erkannt. Die Lösung jedoch verbarg sich hinter einem überaus komplizierten Interaktions-Regelwerk, das ich, wie sich herausstellte, nicht beherrschte. Je mehr ich suchte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wieviel ist zu viel? Soll man einen Mann, der einem gefällt, einen aber nicht bemerkt, zuerst ansprechen? Wann darf man nach einem ersten Rendezvous anrufen? Gleich? Nach acht Stunden, nach acht Tagen? Nie? Woran erkennt man, ob ein Schweigen Schüchternheit oder Aussichtslosigkeit signalisiert?
Die unbekümmerten Trial- and- Error-Ansätze, mit denen ich mich einst durch meine jugendlichen Eroberungszüge manövriert hatte, schienen jedenfalls nicht mehr zu funktionieren. Ich war über dreißig und nichts, was ich tat, führte zum Ziel.

 

Die Diagnose

 

So konnte es nicht weitergehen. Ich traf eine um, wie mir schien, entscheidende Jahre jüngere Freundin. Blinzelte durch die Scheiben des Cafés in die Sonne und merkte spielerisch an, ich würde mich ein wenig sorgen, eventuell das Torschlusss-Panik-Klischee der urbanen Mittdreißigerin zu erfüllen. Ich sagte das eher als Test, nicht weil ich das wirklich glaubte. Doch dieser unbekümmerte Twen sprach mit herzzereißender Ehrlichkeit: „Stimmt, das tust du.“ Ich meinte mich verhört zu haben und fragte zur Sicherheit nochmal nach: „Du meinst, ich habe Torschlusspanik?“ Sie nickte. Und wie äußert sich das? Weil ich immerzu von Männern rede? Sie schwieg mitnichten wie erhofft, sondern setzte die Aufzählung von peinlichen Indizien freudig fort: „Ja und dann – dieser Blick. Wie von einem Wachturm. Du scannst deine Umgebung ständig nach in Frage kommenden Objekten ab. Gerät eins in dein Visier, bekommst du diesen, diesen...“ „Ja????“ „Na, diesen...Tunnelblick!“ Ich zog meine Sonnenbrille aus den Haaren und setzte sie schnell auf. Als Erste Hilfe-Maßnahme.


Die Ratschläge

 

Das musste aufhören. Am besten sofort.
Auf meiner Suche nach Rat versorgten mich wohlmeinende Freunde mit den unterschiedlichsten Strategien:

Die pragmatische Freundin: So was kenn ich nicht. Während meiner Singlephasen ist mein Bauch Beton. Wünsche, die ins Leere gehen , lasse ich gar nicht zu.

Der abergläubische Freund: Wenn du gar nicht mehr suchst, genau dann passiert es. Du darfst aber wirklich, auch nicht mit der kleinsten Faser, dran denken. Nicht schummeln, sonst geht es von vorn los.

Die Coaching erfahrene Freundin: Auf keinen Fall auffällig suchen! Der Erfolgsdruck macht Angst. Dir selbst und den anderen.

Der draufgängerische Freund: Setz dir einfach ein kleineres Ziel, nicht  gleich den EINEN Mann zu finden , sondern erst, sagen wir  mal, ein halbes Jahr nur Sex haben, mit verschiedenen Männern. Dann bist du ausgeglichen, das lockt Männer an. Wirst du sehen.

Ich versuchte alles. Die Beton-Methode. Hm. Irgendwie wurde das nie die kalte harte Masse, die meine Gefühle unter Verschluss hielt. Das Nicht-Dran-dDenken. Ha! Dinge scheinen zu merken, wenn man nur so tut, als ob… Ich tat wohl nur so, als ob. Und dann war da noch die Sache mit dem halben Jahr voller wildem Sex. Was soll ich sagen? Fehlanzeige.

 

Das Phänomen

 

Vielleicht musste ich die Sache zunächst theoretisch durchdringen, bevor ich sie wirkungsvoll bekämpfen konnte. „Ist Torschlusspanik eigentlich ein weibliches Phänomen? Ich kenne nämlich keinen Mann, dem das nachgesagt wird“, fragte ich meinen schwulen Mitbewohner.
Der überlegte nicht lange. Torschlusspanik haben Frauen und Gays, so seine These. Die nämlich würden sich überwiegend über altersbedingtes Aussehen definieren und daher ihre Potentiale als zeitlich limitiert betrachten. Torschlusspanik heißt, sich selbst als Objekt zu sehen. Ein Objekt kann, verglichen mit anderen Objekten, an Wert verlieren. Ein Gedanke, der einen gewissen Druck erzeugt, sprach er mit Bestimmtheit und presste die letzten Tropfen aus der Tube seiner Feuchtigkeitsmaske.

 

Die Lösung

Ich gab auf. Zumindest die aktive Suche. Da es für meinen Wunsch keine praktische Lösung zu geben schien, suchte ich auf andere Weise nach Linderung. Diskutierte ihn mit Freunden auf spätsommerlichen Waldwegen, begann Stunden in Plattenläden zu verbringen, um nach passender Musik für meine Sehnsucht zu suchen. Nahm Mixtapes daraus auf. Begann diese Tapes mit anderen zu tauschen. Borgte und verborgte Bücher. Kaufte ein Handy. Schrieb SMS. (Wer je versucht hat, eine Depression auf 160 Zeichen zu bringen, weiß, dass sie danach meist nur noch halb so schlimm ist.) So reicherte sich mein Leben unauffällig mit Menschen und Erlebnissen an, die es schließlich herbeilockten: Das nicht mehr geglaubte Ereignis.
Auf einer Party schaute ich in die Augen meines Gesprächspartners, den ich mochte, ebenso was und wie er es sagte. Er schaute zurück und plötzlich ... Sie wissen schon, dieser Moment... den keiner erklären kann.

 

Mein Fazit? Wer sein Leben teilen will, muss erst mal eins haben. Bewahren Sie sich davor, panisch suchend durch die Gegend zu stürzen, getrieben von der Angst, es könne sich niemand mehr für Sie finden. Finden Sie heraus, was Ihnen Spass macht und tun Sie es. Das entkrampft. Leben! Kreise ziehen! Arbeiten hilft meistens auch. Das gibt anderen Menschen die Möglichkeit, Ihnen zu begegnen. Sollte sich diese Lösung nicht sofort einstellen, haben Sie bis dahin immerhin schon mal ein interessantes Leben.

 

 

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Daniela Künne ist Autorin und Redakteurin und lebt und arbeitet in Berlin.