Women only

Die Amazon-Krise

Es muss sich etwas ändern.

 

Schnell!

Rund um meine Geburtstage beschleichen mich immer so kleine Sinnfragen-Krisen. Sozusagen Balanceakte zwischen Depression und Resignation.

 

Aktuelle Sinnkrise:

 

  • Aber ich bin doch noch gar nicht so alt.
  • Aber ich bin doch eigentlich total cool.
  • Aber man merkt mir mein Muttersein doch gar nicht so an.
  • Aber ich habe doch eigentlich gaaaanz vielfältige Interessen - neben Kindern, Küche und Haushalt.
  • Aber ich bin doch eigentlich extrem erfolgreich und bekannt und beliebt und begehrt.
  • Aber ich bin doch eigentlich zu Höherem berufen.

 

Mit Hilfe von starken Medikamenten, temporären Aufenthalten in der geschlossenen Psychiatrie und Elektroschocktherapie hatte ich diese Sinnkrise schon fast überwunden, da traf mich gestern die persönliche Empfehlungsliste für Bettina S. bei Amazon.de wie ein Keulenschlag:

 

 

Was soll das?
Glaubt Amazon etwa, dass das Lesen der einmal bestellten Erziehungsratgeber nicht ausreichend war und empfiehlt mir deshalb fortwährend neue Ratgeber? Auch das Stillbuch zu empfehlen ist anmaßend. Vor vier Jahren ähnliche Literatur bestellt zu haben, rechtfertigt nicht, einer Frau im gebärfähigen Alter weitere Stillliteratur anzubieten. Noch dazu, wer einmal gestillt hat, weiß normalerweise, wie es funktioniert! 

 

Könnte man mir also bitte Bücher empfehlen, die einen philosophischen Ansatz haben. Könnten auf dieser Liste bitte Empfehlungen stehen, die äußerst großes Wirtschaftsverständnis voraussetzen? Könnte man mir bitte Literatur vorschlagen, die ich demonstrativ in die erste Reihe unseres Bücherregals stelle und nicht hinten irgendwo verstecken muss?

 

Es ist also an der Zeit etwas zu ändern. Denn offensichtlich hat sich meine geistige Entwicklung von der Gebär-, Still- und Erziehungsmaschine noch nicht bis Amazon durchgesprochen. Und wenn Amazon noch nicht Bescheid weiß, dann wissen es die restlichen 6,6 Mrd Bewohner dieses Planeten auch noch nicht.

Was also tun?

 

  • Ein Trip nach Chicago könnte ein erster Schritt in Richtung neues Image werden.
  • Weiters könnte ich mein hippes Prenzlauer Berg Outfit gegen gediegene Businesskostümchen tauschen, mich damit fotografieren lassen und diese Bilder dann dezent im Internet verbreiten.
  • Ich könnte auch Roundtable-Gespräche mit hochrangigen Wirtschaftsvertretern initiieren und darüber live und exklusiv auf pappalatur.at berichten.
  • Und dann könnte ich Amazon darauf aufmerksam machen, dass es eine Frechheit ist, einer derart erfolgreichen, weltgewandten und eloquenten Frau wie mir, solch eine Empfehlungsliste zu offerieren!

 

Ich könnte…

 

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Die Autorin Bettina Schenk: Sie ist eine Österreicherin, die nach sechs Jahren in Hamburg weiterzog ins Berliner Umland. Ob diese Entscheidung mutig oder wahnsinnig war, versucht sie täglich herauszufinden.