Männerecke

Die besten Parties

„Ach, komm mit hoch.. Sei nicht so. Sei kein Frosch.“ Ich sträubte mich.

Die besten Parties waren die, wo die Musik seit über einer Stunde ausgefallen war und es niemand bemerkte. Dazu leichte Bierkleidung und eine flapsige Bemerkung auf der Tasche, die bei Frauen gut ankam und die mir jetzt nicht einfällt, weil es zu lange her ist. Außerdem konnte ich damals sagen, was ich wollte, es kam an, ich sah nämlich teuflisch gut aus und hatte nicht dieses ulkige Speckgesicht von heute.

 

Als die Musik wieder einsetzte, meinte ich zur Gräfin: „Wir können gehen.“ Was den Zeitpunkt betraf, eine Party zu verlassen, hatte ich ein glückliches Händchen. „Das war’s. Da kommt nichts mehr. Die Show ist vorbei.“

 

Es war weit nach Mitternacht, als wir den Altbau an der Kölner Straße erreichten, wo sie mit ihrer besten Freundin und Sahir wohnte, ihrem Ex-Lover. Sahir hatte noch keine neue Bleibe gefunden. So lange wurde er quasi geduldet. Die Wohnung war groß genug. Weit über hundert Quadratmeter, ein finsterer Innenhof und dieser riesige Balkon, auf dem nachts ein Tom Waits-Glockenspiel erklang, mitten in der Innenstadt.

 

Sahir hatte ich vielleicht zwei Mal gesehen. Ein in Solingen geborener Türke, der ohne Akzent deutsch sprach.

 

„Kann der überhaupt türkisch?“

 

„Ja, guten Morgen, Tante, ich brauche Geld“, antwortete die Gräfin.

 

Wir hatten eine Art Abmachung. Solange ihr Ex auf der Kölner Straße wohnte, übernachtete sie bei mir. Wir hatten nie wirklich darüber gesprochen, aber es war klar, dass es nur so laufen konnte. Es sind die stillen Übereinkünfte, die wie Leitsterne über unseren Wegen stehen. Sie sind die Wächter in unseren schwachen Momenten, und niemals fällt ein Wort.

 

Was sich sonst zwischen den beiden abspielte, wusste ich nicht, und ich wollte es auch nicht wissen. Alles würde sich fügen, wenn die Zeit reif war. In dieser Frühlingsnacht aber ließ sie nicht locker. Sie wollte unbedingt, dass wir die Nacht in ihrem Bett verbrachten. Später sagte sie, sie habe wohl unbewusst eine Entscheidung herbeiführen wollen.

 

„Dass der Schädel endlich schnallt, dass ich nichts mehr von ihm  will. Dass er sich endlich trollt.“

 

Schädel war sein Spitzname. Er mochte ihn nicht. Das ist natürlich schlecht, wenn man den eigenen Spitznamen nicht mag. Man kann einen Spitznamen nicht einfach auswischen. Er muss sich auswachsen. Das kann dauern. Mein Spitzname ist Glummi, bis heute, auch wenn ihn kaum noch jemand benutzt. Aber es ist ja auch keine große Sache, wenn einem ein i angehängt wird, wie ein überflüssiger kleiner Hilfsmotor.

 

„Ich hab doch gesagt, ihr sollt den Glummi decken!“ hieß es früher auf dem Fußballplatz, nachdem ich einen meiner gefürchteten Scherenschläge mit voller Wucht gegen den Pfosten gesetzt hatte. Die Bälle volley gegen Pfosten oder Latte setzen, fand ich fast noch besser, als ein Tor zu erzielen. Wenn dem Keeper, der wild wild sein Haus bewachte, vor Angst der Kasten wackelte, dann, ha!, dann war es gut.

 

Wir standen unten am Gatter. Es war kühl. In der Wohnung brannte kein Licht. Auch die beste Freundin schien zu schlafen.

 

„Ach, komm doch mit hoch“, zerrte sie an mir. „Das kriegt der gar nicht mit, der Schädel. Der ist bestimmt wieder besoffen. Außerdem brennt kein Licht in seinem Zimmer. Wahrscheinlich ist er gar nicht da..“

 

Als die Gräfin Monate zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht war und mir die Fingernägel lackiert hatte, es dauerte Wochen, bis die lila Farbe rausgewachsen war, weil niemand Nagellackentferner besaß, war ich schon über ein Jahr mit Lena auseinander gewesen. Ein Jahr, in dem ich Zeit gehabt hatte, mich neu zu sortieren. Seither waren wir zusammen, alles war Neuland. Sie verdrehte mir den Kopf, aber nach vorne. Ich konnte plötzlich wieder sehen, wo das Leben war.

 

Wir standen in der Dunkelheit und spekulierten angetrunken und bekifft, ob das Weltmeer vielleicht nichts anderes war als die Summe der Tränen aller Fische, die je gelebt hatten..

 

„...außer dem Ärmelkanal“, alberte ich. „Da hat seinerzeit jemand seinen Pullover reingeworfen.“

 

Aber es half nichts. Sie ließ sich nicht bezirzen mit spinnerten Ideen, sie kehrte zum Thema zurück.

 

„Ach, komm mit hoch.. Sei nicht so. Sei kein Frosch.“

 

Ich sträubte mich.

 

„Wir können doch zu mir“, sagte ich. „Zum Frosch.“

 

„Das ist so weit, und ich bin müde. Komm.., bitte.“

 

Es folgte ein warmer langer Kuss, der nach Pflaumenwein roch und mich schließlich überzeugte. Leise öffnete sie die Wohnungstüre.

 

„Geh schon mal vor“, flüsterte sie. „Ich guck eben in sein Zimmer..“

 

Eine Minute später stand sie im Türrahmen.

 

„Ta-ta! Der Schädel ist wirklich nicht da!“

 

Am nächsten Morgen wurden wir früh wach und trödelten im Bett herum. Sie stand auf, um Kaffee aufzusetzen. Als sie zurückkam, war sie blass.

 

„Scheiße. Der ist doch da. Der liegt im Wohnzimmer und schnarcht.“

 

„Im Wohnzimmer..?“

 

„Ja, auf dem Sofa. Daneben steht ne leere Flasche Whisky. Der war gestern bestimmt stratzevoll.“

 

„Na, ich bin ja gleich weg“, beruhigte ich sie.

Die Vorstellung, dass er die ganze Nacht nur ein paar Wände entfernt geschlafen hatte, war allerdings prekär. Es war genau genommen immer noch seine Wohnung, sie lief auf seinem Namen, ich hatte hier nichts zu suchen. Das Problem war, dass die Gräfin und er nie wirklich Schluss gemacht hatten. Je nach Verfassung stellte Sahir immer noch Ansprüche, auch wenn es längst vorbei mit den beiden. Doch ich war selbst ein Mann, der verlassen worden war, zugunsten eines Anderen. Jetzt war ich dieser Andere, und Sahir war ich. Was ich sagen will: Ich konnte es ihm nachfühlen, wie er da im Wohnzimmer lag, übel nach Schnaps stinkend, schnarchend.

 

„Ich hol mal den Kaffee“, sagte die Gräfin.

 

Sie ging in die Küche, und plötzlich hörte ich Stimmen. Geschrei. Ein wütendes Schnauben, schnelle Schritte über den Flur, die Zimmertür wurde aufgerissen. Seine funkelnden türkischen Augen. Ich versuchte noch, von der Matratze hochzukommen, doch sein nackter Fuß war schon an meiner Kehle. Blitzschnell.

 

„Damit hättest du rechnen müssen!“

 

Die Gräfin kam von hinten, hielt ihn fest, umklammerte ihn, ich lag da, seinen Fuß am Hals, wie gelähmt. Ich konnte nichts tun.

 

„He.. bleib cool..“

 

Die beste Freundin der Gräfin, (die mit der heiseren Soul-Stimme), stürmte hinzu, aus ihrem Zimmer, das am anderen Ende des Flurs lag.

 

„Was ist denn hier los!??“

 

Gute Frage. Fuß am Hals, seine verschorfte Haut, seine Reptilienhaut, ein harter archaischer Felsen. Er hätte zutreten können, er hätte mich töten können, den Adamsapfel wegkicken, doch plötzlich ließ er ab und trat der Gräfin, „du Hure!“, auf die nackten Füsse. Die beste Freundin sprang dazwischen wie ein furioser Ringrichter, während ich hochging.

 

„He! Lass sie in Ruhe!“

 

„Sag mal, spinnst du, Schädel?“ Die beste Freundin fasste Sahir am Kragen des T-Shirts. Wir standen zu viert in dem kleinen Zimmer. Vier Leute in Unterwäsche. Keine Strümpfe, T-Shirts, ein BH. Eine Menge Haut, ein Becher Kaffee, Zorn. Geschrei.

 

Sonntagfrüh.

 

„So läuft das nicht!!“ schrie er.

 

Ich stand da wie ein Boxer, bereit zum Kampf, Sahir wie ein Kickboxer, lauter Fäuste und nackte Füße, die auf den Funken warteten, der alles in Brand setzen würde, dazwischen die Gräfin und ihre beste Freundin als Puffer.

 

„Der soll verschwinden!“ kochte Sahir. „Was macht der hier!!?“

 

„Ruhig, Junge“, sagte ich. Er war im Recht. Ich hatte hier nichts zu suchen. Ich hätte tot sein können.

 

„Pass auf. Ich zieh mich jetzt an, und dann verschwinde ich..“

 

Ich packte meine Jeans, und stieg ins erste Hosenbein.

 

„Willst du ihm jetzt beim Anziehen zugucken, oder was!?“ pflaumte die beste Freundin Sahir an, mit ihrer rauen Stimme, mehr Blues als Soul an diesem Morgen. Er glotzte überrascht und machte auf dem Absatz kehrt. Die Gräfin zitterte, den Kaffee in der Hand, die beste Freundin zitterte. Ich zitterte. Sahir zitterte irgendwo in der Tiefe der Wohnung. Ich zog mich an. Leichtes Diplomatengepäck.

 

„Scheiße“, sagte ich und umarmte die Gräfin. „Bis heut Abend.“

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "Studio Glumm" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“ 

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