Fürs Auge

Die Entdeckung der Montagen des Erwin Blumenfeld

Die Schönheit und das Biest: Der deutsche Fotograf Erwin Blumenfeld schuf eine der erschreckendsten Fratzen des Niederganges seines Heimatlandes – und dann Ikonen der aufstrebenden Modebranche in Amerika.

Von: Anke von Heyl

vom 26.02.09

Erwin Blumenfeld ist Maler, Dichter und Fotograf. Von allem ein bisschen und mit unterschiedlichem Erfolg. Vor allem aber ist er eine Figur, mit der man auch der Avantgarde in Deutschland neu begegnet. 

 

In der Nacht der Machtergreifung Hitlers entstand zum Beispiel die Montage „Hitlerfresse“: Blumenfeld ließ hier ein Foto Hitlers mit einem Totenkopf verschmelzen – er hatte Propaganda-Plakate der Nazis zuvor abfotografiert. Eine Arbeit, die einen visionären Blick auf das Schicksal Deutschlands wirft, später wird Blumenfeld erzählen, dass Reproduktionen dieser Foto-Montage 1942 als Propagandaflugblatt über Deutschland abgeworfen worden sind. Da befand sich Blumenfeld, der mittlerweile die Fotografie zu seinem Hauptmetier ausgebaut hat, schon im rettenden New York und startete als Modefotograf so richtig durch. Wie kam er dazu?

 

Verkürzungen sind im Zusammenhang mit Erwin Blumenfeld, dessen Leben so viele Geschichten bereit hält, nicht erlaubt. Und so geriet auch eine Dissertation der britischen Kunsthistorikerin Helen Adkins zu einem äußerst dichten wissenschaftlichen Werk, das nun in einer überarbeiteten Light-Version vorliegt – und auch so noch dem Leser viel abverlangt. Zu komplex sind die Dinge, die es über den Künstler zu sagen gibt. Zu umfangreich das Netz der Bezüge, in die man seine Arbeiten einspinnen muss. Helen Adkins hat sich dezidiert mit den Montagen beschäftigt, einer weniger bekannten Werkgruppe des meist als Fotografen wahrgenommenen Blumenfeld. „In Wahrheit war ich nur Berliner“ – so heißt die Publikation, die jüngst im Hatje Cantz Verlag erschienen ist, sozusagen als Vorbote einer Ausstellung, die nun gerade auch in der Berlinischen Galerie eröffnet wird. 

 

Adkins stützt sich in ihrem Buch auch auf die Hinterlassenschaften des Künstlers, darunter seine erst posthum 1976 erschienene Autobiographie „Einbildungsroman“ und zahlreiche Briefe. Durch eine Enkelin Blumenfelds, mit der Adkins in London zur Schule ging, bekam die Autorin Zugang zu dieser Privatkorrespondenz, aus der das Buch in graphisch schön gesetzten Zitaten reichlich schöpft. Daneben aber sind es vor allem die hervorragenden Abbildungen, die das Buch zu einem Bildband der Extraklasse machen (die sensiblen Schnittstellen der frühen Klebemontage wurden sensationell reproduziert).

 

Bei aller Liebe zum optischen Detail bleiben aber doch viele Dinge ungesagt, die den Leser sicher interessiert hätten. Denn was ist zum Beispiel mit der Liebesgeschichte zwischen dem Künstler und seiner späteren Frau Lena Citroen, die er über einen Freund aus Kindertagen kennen lernte? Warum schrieb er ihr Briefe nach Holland („Ich hielt mich für den Don Juan der Korrespondenz.“), wie entwickelte sich aus der Antwort, die Lena ihm schickte, eine solch innige Beziehung, die zur Verlobung führt – ohne dass die beiden sich je gesehen haben. 

 

Dagegen wird der Dadaist Blumenfeld (oder Bloomfield, wie er sich später auch nennen wird,) facettenreich in den Blick geholt, etwa auch durch vergleichbar arbeitende Künstler, die Nähe zu Hannah Höch etwa oder zum Beispiel auch zu John Heartfield. Zu den Verdiensten Adkins gehört es, dass sie Blumenfeld als einen Pionier unter diesen Künstlern entdeckt, wenn es um das Medium der Montage geht: Nach dem ersten persönlichen Treffen mit seiner „Madonna Lena“ klebte Blumenfeld Fotografien der Angebeteten in eine Serie von kleinen Aquarellen ein – die heute als die ersten bekannten Montagen überhaupt gelten können. 1920 betitelt Blumenfeld dann eine Montage, die Charlie Chaplin als ein Alter Ego zeigt, mit „Dada-Montage“ – der erste öffentliche Hinweis auf dieses Medium.

 

Ausführlich widmet sich Adkins den Figuren der Berliner Bohème, die Blumenfeld auf eine seltsam distanzierte Art und Weise wahrnimmt. Zum einen ist er der frustrierte Außenseiter, der die Schule abbrechen musste und eine – aus seiner Sicht als erniedrigend empfundene – Lehre als Damenschneider beginnt. Zum anderen hält er über seinen Freund Paul intensiven Kontakt zur Szene. „Ich wollte nicht künstlerisch sein.“ Dennoch gründete er mit Paul Citroen in Amsterdam die – nicht ganz ernst gemeinte – Abteilung DADA Holland und bringt sich somit immer wieder ins Gespräch. „In der Tat, der Jan Blomfield (sic) der großen holländischen Dada-Bewegung war ich“, so witzelte er über diese aus Spaß vorangetriebene Ausbreitung einer Künstleridee, die von eben solch agitativem Spaß auch lebte. 

 

Wie sich Blumenfeld aber von hier aus nun zum Fotografen entwickelte? Keinesfalls aus eigenen Stücken. Vielmehr war es die Zeit und die Bedrängnis, in die er als Jude auch im holländischen Exil zunehmend geriet, die hier den Anstoß gab. Als Blumenfeld beim Umzug seines mehr recht als schlecht betriebenen Geschäftes für Damentaschen in einem Hinterzimmer eine Dunkelkammer entdeckte, war klar, welchen Weg er nehmen würde („Für mich ist die Dunkelkammer die größte Magie dieses Jahrhunderts“). Er dankte später Hitler, ihn durch seine Machtergreifung sozusagen gezwungen zu haben, sein Geld mit der Fotografie zu verdienen. Es sollte jedoch noch weitere gute zehn Jahre dauern, bis Blumenfeld tatsächlich davon leben konnte. 

 

Obwohl Adkins sich eigentlich auf die Montagen aus der Zeit 1916 bis 1933 konzentriert, ist es ihr dennoch ein Anliegen, auch die Zeit danach nicht außen vor zu lassen. Denn: Auch die späten Modefotos aus den Hochglanzzeitschriften atmen noch den Geist der frühen Jahre, wie hier zu entdecken ist. Und spannend ist die Wandlung vom glücklosen jüdischen Verkäufer von Damenhandtaschen zum gefeierten Star der amerikanischen Modeszene ja allemal. 

 

Dieser Aufstieg begann übrigens 1938 in Paris, wohin Blumenfeld auf der Flucht vor den Nazis mittlerweile mit seiner Familie umgesiedelt war. Der Starfotograf Cecil Beaton betrat Blumenfelds Atelier und war sofort begeistert: „Ohne große Umschweife zeigte er mir das Foto eines frühen afrikanischen Gottes. (…) Hier ist jemand, der in keinster Weise von der Arbeit anderer Fotografen beeinflusst ist. (…) und obwohl ich es gerne hätte, dass er für die Vogue arbeitet, sind seine Bilder nicht von Vogue-Qualität, denn sie sind sehr viel ernster, zu provokant und besser als Mode.“

 

Mit ungewöhnlichen Settings – zum Beispiel vor der Kulisse einer „Metropolis“ – und in extravaganten Perspektiven präsentiert Erwin Blumenfeld die Models der 40er und 50er Jahre und prägt einen ganz eigenen Stil, den die Vogue sich einige Jahre exklusiv für ihre Covers sichern kann. Am 1. Januar 1950 wird das Coverbild von Jean Pratchett veröffentlicht. Blumenfeld hat das Gesicht des legendären Models reduziert auf Auge und Mund und präsentiert diese ungewöhnliche Darstellung in einer Fotografie einer kolorierten Fotografie. Dieses Bild begründet endgültig den Ruhm des Berliner Jungen, der nach Jahren der Entbehrung endlich die Anerkennung erhält, die er verdient. Und nun folgt durch die vorliegende Publikation plus Ausstellung seiner Montagen die längst fällige für sein Frühwerk.

 

„Erwin Blumenfeld: Dada-Montagen. 

In Wahrheit war ich nur ein Berliner.“

Ausstellung 27. Februar bis 1. Juni 2009

Eröffnung am 26. Februar 2009 um 19 Uhr

Berlinische Galerie

 

 

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Bildnachweise:

 

1.  „Metropolis“ (1930). Buchcover, Hatje Cantz Verlag. 

2. „City Lights“ (1946). Hatje Cantz Verlag.

3. „Portrait Edith Lamont“ (1938). Hatje Cantz Verlag.

4.  Vogue-Cover (1/1950). Hatje Cantz Verlag.