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"Die Frau an seiner Seite"

Heribert Schwan schreibt über Hannelore Kohl und wie sie das das perfekte Klischee der Hausfrauen und Mütter von früher lebte.

Helmut Kohl ist immer noch ein umstrittener Mann. "Kanzler der Wiedervereinigung" und des Euros, aber auch der Profiteur des Spendenskandals, Gegenstand von Jubelreden und sehr wohlwollender Biographien wie Mittelpunkt der schonungslos entlarvenden Familienhistorie, die sein älterer Sohn über ihn schrieb.


Die Frau hinter Machtmensch Kohl

Kein Wunder, dass auch das Buch des Journalisten Heribert Schwan über Kohls Frau innerhalb von einer Woche die Spitzen der Sachbuch-Bestsellerlisten erkletterte. Die Deutschen gieren nach wie vor nach Enthüllungen über "Birne", der die Macht im Nachkriegsdeutschland am längsten ausübte und zum Schluss von den meisten (zumindest unter jenen, deren Wohlergehen nicht von ihm abhängig war) als unzumutbar dröge und "out" abgelehnt wurde. Sie wollen endlich wissen, wie der Mann hinter dem Machtmenschen Kohl aussah.

Wirklich erhellende Informationen liefert "Die Frau an seiner Seite" (im Gegensatz zu Kohl-Sohns "Leben oder gelebt werden") nicht, obwohl Autor Schwan ein besonders gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu Journalistenhasserin Hannelore Kohl hatte, sie ihm mehr über ihr Leben erzählte als allen anderen Kollegen. Zum Beispiel, dass sie 1945 von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Zum Beispiel, dass sie ein besonders liebevolles (und unkritisches) Verhältnis zu ihrem Vater Wilhelm Renner hatte, obwohl der in seiner Rüstungsfabrik Zwangsarbeiter genauso grausam schlecht behandelte wie alle anderen Überzeugt-Nazis. Zum Beispiel, dass sie so intelligent war wie ihr Mann, sich auf diplomatischen Empfängen in drei Sprachen unterhalten konnte und das zumindest eine Zeitlang auch genoss.

 

Stets höfliche Vorzeigefrau

Neu ist auch die Offenheit, mit der Heribert Schwan durchblicken lässt, dass zumindest er nicht an die Diagnose "Lichtallergie" glaubt, unter der Hannelore Kohl litt. Diese Lichtallergie zwang die Kanzlergattin in den letzten Jahren ihres Lebens in nächtliche Dunkelheit, führte zu ihrem Selbstmord, aber - so Schwan - gegen echte Lichtallergien gibt es Heilmittel. Gegen Hannelore Kohls Schmerzen hätte wohl nur eine intensive (und ebenfalls höchst schmerzhafte) Psychotherapie geholfen, in der all ihre alten, in die tiefsten Gedächtnisfalten versenkten Erinnerungen ans Tageslicht geholt worden wären. Diese Vorstellung konnte die Kanzlergattin nicht aushalten. Stattdessen schrieb sie liebevolle, nichts verratende Abschiedsbriefe an Ehemann und Kinder, bedankte sich höflich fürs Leben als Klischeehausfrau - und starb.

Wenn ein Satiriker heute das Bild der 60er, 70er, 80er Jahre Deutschfrau entwerfen müsste - Hannelore liefert mit ihrer Zurückhaltung, dem Verzicht auf die später so betonte Selbstverwirklichung, ihrer Treue zu einmal eingegangenen Verpflichtungen, perfekte Vorbilder. Hat sie ihre Kinder je angebrüllt? Ihrem Mann eine Vase an den Kopf geworfen? Die Scheidung verlangt? Gab es Geschrei im Hause Kohl, wenn der pater familias die Seinen mal wieder zwang, Urlaub am Wolfgangsee zu machen? Obwohl Hannelore die Foto-Sessions mit der Presse hasste? Als total verlogen empfand? Warum hat sie dann mitgemacht?

 

Was war hinter der Fassade?

Kohl-Sohn Walter schweigt in seinem Buch darüber, Heribert Schwan erwähnt zwar die Abneigung Hannelores - stellt aber ihre brav-bieder-demütige Anpassung an die Kanzlerwünsche in den Vordergrund seiner Berichterstattung. Zumindest nach außen, so der Eindruck, den er vermittelt, war die Kanzlergattin so unkaputtbar wie ihre blonde 3-Wetter-Taft-Frisur. Waren die Frauen des 20. Jahrhunderts wirklich so?

 

Die Fesseln konservativer Erziehung

Jede Frau, die auch nur die Nasenspitze in den frischen Wind der 68er Jahre gesteckt hat, wird das spontan abstreiten, aber Klischees müssen ja nicht "wahr" sein, nur einleuchtend, weil sie viele Facetten des Lebens glaubwürdig zusammenfassen. Hannelore Kohl wirkt in allen Schilderungen glaubwürdig in ihrer Anpassung an den Mann, der ihr zumindest in den ersten Jahren ihrer Bekanntschaft eine "starke Schulter zum Anlehnen" bot. Und als er sie allein ließ, weil er - verständlicherweise - Politik viel spannender fand als Familienleben? Da verhinderten die 1000 Fesseln einer konservativen Erziehung (Hannelores Mutter war eine sehr konservative Frau) jedes Ausbrechen: Die Frau sei dem Mann untertan! Du darfst nicht egoistisch sein. Die Bedürfnisse des (berufstätigen) Mannes sind weit wichtiger, als die der Frau oder der Kinder. Wozu aufzählen? Jede Frau, von der Feministin bis zur CSU-Wählerin, bekommt sie vom eigenen Gewissen eingeflüstert. Ständig.

 

Lohnenswert

Das Buch über "Die Frau an seiner Seite" liefert wenig wirklich überraschende Enthüllungen. Kein Wunder, Heribert Schwan gehört zur Generation Kohl, hat die alten Regeln über das richtige Zusammenspiel zwischen aktivem Mann und angepasster Frau verinnerlicht und bis heute nicht wirklich hinterfragt. Trotzdem lohnt sich das Lesen. Weil es den Frauen von heute zeigt, wie weit sie (oder die Gesellschaft) es gebracht haben. Wie viel seltener sie auf ihr konservatives Gewissen hören müssen, wie viel mehr Möglichkeiten sie haben, um seelisch und körperlich gesund alt zu werden. Ohne in dunklen Räumen zu Dinosauriern zu versteinern wie Helmut und Hannelore Kohl.