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Die Geschichte hinter der Geschichtengeschichte

Anna Maria Mühe glänzt in dem Film „Novemberkind“.

Eine junge Frau flieht 1980 ihrer Liebe wegen aus der DDR – und lässt eine wenige Monate alte Tochter zurück. Sie meldet sich nie wieder. Das Kind heißt Inga und wächst bei den Großeltern und mit der Geschichte auf, ihre Mutter sei in der Ostsee ertrunken. Es gibt ein Grab und keinen Grund zu zweifeln. Bis im November 2007 ein fremder Mann auftaucht.

Der Film „Novemberkind“ erzählt ähnlich packend wie „Das Leben der Anderen“ von den Auswirkungen des DDR-Regimes. War es in „Das Leben der Anderen“ der Schauspieler Ulrich Mühe, der in der Hauptrolle überzeugend zeigte, wie ein Mensch in den Fesseln der deutsch-deutschen Geschichte zu Grunde geht, ist es in „Novemberkind“ seine Tochter Anna Maria Mühe. Sie spielt in einer Doppelrolle die Mutter und auch die Tochter und führt dabei vor Augen, welche Spuren die Geschichte im Leben der beiden Generationen hinterlässt.

Ende der 70er Jahre: Alexander flieht mit seiner Familie aus Malchow in den Westen. Was er nicht weiß: Seine Freundin Anne ist schwanger. Einige Monate nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Inga ist auch ein russischer Soldat auf der Flucht. Anne versteckt ihn, die beiden verlieben sich. Doch es ist zu gefährlich. Deshalb nimmt Anne Kontakt zu Alexander auf, den sie ihn Prag trifft. Er organisiert die Flucht für seine Anne, seine Tochter – und den fremden Russen. Doch am Abend der Flucht ist das Kind krank. Anne zweifelt, ob sie so fliehen kann – sie lässt ihr Baby bei ihren Eltern zurück, will es nachholen. Doch dazu wird es nie kommen.

Die Großeltern müssen unterschreiben, keinen Kontakt zu der Tochter in den Westen zu haben. Sie ziehen die Enkelin auf, und irgendwann meldet sich die Tochter aus dem Westen auch nicht mehr. Sie zerbricht an der Flucht, versucht während eines Literaturstudiums, schreibend die Dinge zu verarbeiten. Ihr Dozent ist wie gebannt von der Geschichte, kann der Studentin aber auch nicht helfen. Schließlich nimmt Anne sich das Leben.

Den Professor (Ulrich Matthes) aber lässt die Geschichte nie los. Es geht ihm nicht um die Menschen, sondern allein um die Geschichte. Er will ein Buch aus dieser machen, sucht schließlich die nun erwachsene Inga auf. Inga gerät ebenso unschuldig wie ihre Mutter in den Strom der Geschehnisse. Sie begibt sich auf die Suche nach der Mutter – und sich selbst. Taumelnd und zielstrebig. Denn anders als Anne ist Inga kein Opfer. Der Film erzählt nicht klischeehaft von einem doppelten Frauenschicksal.

Anna Maria Mühe verleiht beiden Frauen zwar etwas mädchenhaft-unschuldiges, gleichzeitig sind sie selbstbewusst und mutig. Da, wo die Mutter zerbricht, entscheidet sich Inga sehr bewusst für einen Neuanfang. Der Film endet mit einer Szene der jungen Frau im Zug. Sie hat die Skizzen- und Tagebücher ihrer Mutter bei sich – und fängt ein neues Buch an. Man weiß nicht, wohin die Reise geht, doch Anna Maria Mühe lässt keinen Zweifel daran, dass Inga ihre Geschichte bewältigen und fortschreiben wird.

„Novemberkind“ erzählt von Verrat, Angst, Feigheit und Schuld, von weichenstellenden Entscheidungen und zerbrochenen Leben, deutsch-deutsche Geschichte und von einer durch und durch emanzipierten, starken Heldin. Regisseur Christian Schwochow hat einen Film gedreht, den man gesehen haben sollte.

„Novemberkind“ (Deutschland 2008). Regie: Christian Schwochow. Schwarz-Weiss Filmverleih. Seit 20.11.2008 in den Kinos.