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Die Immigrantin

Eine Bulgarin illegal in Wien: Der Autor Roumen M. Evert schildert einen Tag im Leben einer Frau, die sich nach einem besseren Leben sehnt.

Roumen M. Evert ist ein interessanter Mann. Erst Zeitungsreporter in München, Musikritiker, Übersetzer und Autor in London, dann Reisender durch Europa, Afrika, Asien, Eintritt in die orthodoxe Kirche, Verheiratung mit einer Bulgarin, Leben in Bulgarien, Rückkehr nach Deutschland. Und nun schreibt er, schöpft aus seinen Erfahrungen, komprimiert Bekanntschaften.

„Die Immigrantin“ schildert in diesem Roman in Ich-Form ihre Kindheit in der Heimat, den Zusammenbruch der Diktatur und ihre verzweifelten Bemühungen, im reichen Westen den Lebensunterhalt für ihre zwei Kinder zu verdienen. Als Illegale – bis sie eine Vernunftehe mit einem Österreicher eingeht.

In Reportagen und Filmen berichten die Medien immer mal wieder über Menschen wie sie, man kennt das also alles – irgendwie. Aber Evert schafft es, aus diesem „Irgendwie“ einen ganz besonderen Fall zu machen, der gerade durch seine Durchschnittlichkeit, seine „Normalität“ von Seite eins des Romanes an Neugier weckt, Sympathie, Mitgefühl und – durch seinen unaufgeregt präzisen Stil und seine Erzählkunst – Lust macht aufs Immer-Weiter-Lesen.

Lena, die „Heldin“, unterscheidet sich von Tausenden von anderen Immigranten nur in einem Punkt: Sie ist gerade das kleine Bisschen zäher als andere, das den Unterscheid zwischen “endlich ankommen“ und „für immer im Elend hängen bleiben“ ausmacht. Sie ist nicht intelligenter, nicht begabter, aber sie besitzt Resilienz, die von den Psychologen gerade erst zur Kenntnis genommene Eigenschaft, die das Weiterwursteln ohne Selbstmitleid, das Überleben, den Lebenserfolg möglich machen.

Resilienz ist die Kunst, sich im Leben einzurichten und das Beste daraus zu machen. Laut gängigem Psychoparadigma besitzen  erstaunlich viele Menschen diese Eigenschaft. Die lässt sie mit scheußlichen Kindheitserlebnissen, bösartigen Schicksalsschlägen, Unglück, Verfolgung oder einer miesen Umwelt fertig werden und macht sie zu Menschen, die zumindest von jenen bewundert werden, die einen Blick hinter ihre „Durchschnittlichkeit“ werfen.

Die „illegale“ Lena, die bulgarische Kellnerin in Wien, ist ein solcher Mensch. In ihr hat Roumen M. Evert viele solcher Schicksale zu einer Frau verdichtet, die diese Romanfigur lebendig werden lassen, glaubwürdig machen. Damit wird sein Roman das, was eigentlich jeder wirklich gute Roman ist: ein Bild der Realität, die jeden interessiert (und angeht!), auch wenn er selbst ein ganz anderes Schicksal hatte. Weil das Lesen klüger macht. Oder empfindsamer für das Leid und die Freude anderer.

Mehr kann man von einem guten Buch nicht verlangen.