Wissenswertes

"Die Jungen gehen in Deckung"

Was wir nun bekommen, ist eine Generation, die auf Nummer Sicher geht: Leistung, Anpassung und Familie stehen bei ihr hoch im Kurs, sagen Jugendforscher.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: photocase.com

vom 11.12.06

Eltern und Erzieher könnten eigentlich aufatmen: So pflichtbewusst, bildungsbeflissen und werteorientiert wie derzeit kommt „Jugend von heute“ für gewöhnlich nicht daher. Rebellische Attitüden? Leichtsinn? Oder gar ein Generationenkonflikt? Die aktuelle, 15. Shell Jugendstudie vermeldet hier nur Fehlanzeige. „Die Jungen gehen in Deckung“, so das bündige Resümee des Jugendforschers Klaus Hurrelmann, der in diesem Jahr die Studie leitete, in einem Gespräch mit dem „Tagesspiegel“.

 

Die Shell-Jugendstudie ermittelt bereits seit 1952 alle vier Jahre anhand von Interviews, mit welchen Werten und Einstellungen junge Menschen auf die Welt blicken. Rund 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren antworteten auch in diesem Jahr – und überraschten mit einem neuen Trend zu sozialer Anpassung. „Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt“, so bilanziert die Studie.

 

Das mag nach bester Visitenkarte klingen. Zumindest für manchen. Für andere dagegen klingt das eher nach einem Bankrott all dessen, was Jugendkultur sein könnte. So oder so – die Ergebnisse der Shell-Studie haben alarmiert. Denn für den neuen Trend, ob wohlwollend oder misstrauisch beäugt, gibt es Gründe, die nachdenklich stimmen. Offenbar leiden immer mehr Jugendliche heute unter Zukunftsängsten. Die Studie sieht hier eine der Ursachen für die auffallende Zielstrebigkeit, mit der Jüngere mittlerweile verstärkt an ihren Werdegängen basteln – und nur wenig dem Zufall überlassen wollen. Steigende Armut sei dabei das Problem, das an vorderster Stelle beunruhigte: so sahen ganze 72 Prozent der Befragten dieses Problem als den großen Angstmacher unserer Zeit. 67 Prozent der Jugendlichen sorgten sich in diesem Sinne auch, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen oder den Arbeitsplatz zu verlieren.

 

Wo aber Verunsicherung um sich greift, zählt der sichere Fahrplan plötzlich wieder viel. Auch wenn dieser ein wenig nach Klarsichthülle klingt. Aber was hilft jugendliche Spontaneität am Ende – wenn man mit ihr nur auf der Strecke bleibt?

 

Um von dort wegzukommen, sind Jugendliche derzeit extrem bereit, das Leistungspedal zu treten, wie die Studie nahe legt. Gute Bildungsabschlüsse gelten dabei viel. Scheinbar nicht nur zum Besten: Denn wer heute eher schlechte Aussichten hat, demnächst mit Bildung aufzutrumpfen, blickt noch angespannter in die eigene Zukunft, als es die Altersgenossen ohnehin schon tun. Die Ergebnisse der Shell-Studie spiegeln hier eine soziale Kluft wieder, die auch die jüngere Generation schon deutlich spaltet: Während unter den Gymnasiasten immerhin noch 57 Prozent sich eher zuversichtlich zeigt, was die eigenen Perspektiven angeht, sind es unter den Hauptschülern nur noch 38 Prozent.

 

Aber auch eine andere Kluft verdient Aufmerksamkeit: Junge Frauen haben laut Studie derzeit die Nase vorn, wenn es darum geht, Bildungschancen für sich zu nutzen. Von ihnen besuchen schon jetzt 47 Prozent ein Gymnasium (dagegen nur 40 Prozenten der Jungen) und 55 Prozent wünschen, die Schulzeit mit dem Abitur zu beenden – ein Ehrgeiz, der ebenfalls bei den Jungen so nicht zu beobachten ist. Weshalb der Jugendforscher Klaus Hurrelmann im „Tagesspiegel“ denn auch gleich warnend zu Bedenken gab: „Wenn das so weitergeht, dann sind die Frauen bald die Bildungselite in Deutschland und die Männer sammeln sich in Hauptschulen und Sonderschulen, sie werden dann abgehängt.“

 

Man(n) darf sich beruhigen! Immerhin gibt es sie nach wie vor – die berüchtigte „gläserne Wand“ in den Aufstiegschancen von Frauen, die sich spätestens dann bemerkbar macht, wenn es ernst wird: wenn Einkommen, Chefposten oder Familienpflichten verteilt werden und Frauen nach wie vor schlechter abschneiden. Laut Studie sind sich die jüngeren Frauen heute sehr bewusst, dass man ab und zu Ellenbogen braucht, um sich durchzusetzen. Und dass mit einem Kind auf dem Arm Ellenbogen nur bedingt einzusetzen sind. So heißt es denn resümierend:

 

„Es ist nicht so, dass junge Frauen keine eigenen Kinder wollen. Sie sehen sich jedoch bei der Familiengründung mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert, weil Ausbildung, berufliche Integration und Partnerschaft mit Familiengründung in einem sehr kurzen Zeitfenster komprimiert sind – der so genannten Rushhour des Lebens.“

 

Und die Männer? Inmitten einer Generation von Nesthockern sind wiederum sie es, die sich laut Studie ganz besonders schwer tun. Und den Absprung vom Elternhaus auffallend spät erst finden. Wo aber die Bettenbelegung im „Hotel Mama“ so gut ausfällt – ist wohl der neue Familienbetrieb noch fern, für den Ministerin Ursula von der Leyen derzeit landauf und landab wirbt. Pustekuchen mit Kindersegen in diesem Land?

 

Vielleicht sollte man Mamas und Papas Lieblinge ja doch zugestehen, zwischen „Hotel Mama“ und einer „Rushhour des Lebens“ erst einmal flügge zu werden – und dabei ab und zu auch auf der Bremse zu stehen. Allein schon, um bei allem Trubel nicht ganz nebenbei das abzuhaken, was zum Erwachsenwerden gehört: Jung sein dürfen! „In Deutschland fehlt es Kindern und Jugendlichen nicht an Disziplin, sondern an Herausforderungen und an Anerkennung für Dinge, die Lust auf Leben wecken und spannend sind“, so warf der Jugendforscher Christian Pfeiffer in einem „Tagesspiegel“-Interview in die Debatte ein. Das jedenfalls klingt weder nach Visitenkarte noch nach Bankrott – sondern vernünftig!