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"Die Kluft"

Eine Urzeit-Fantasy der neuen Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing: Männer sind Monster! Ironie? Oder Unsinn?

Doris Lessing bekam im Oktober 2007 den Literatur-Nobelpreis, und fast alle fanden das richtig. Schließlich ist sie eine der berühmtesten Schriftstellerinnen der Welt. Fast 50 Bücher veröffentlichte sie, meist Romane, über die dringend notwendige Emanzipation der Frauen, über Menschenrechte und gegen Menschen verachtende Politik. "Die Kluft", ihr neuestes, um das es hier geht, schrieb sie mit weit über 80 Jahren. Die Quintessenz all ihrer emanzipatorischen, politischen Überzeugungen? Der Höhepunkt ihres vielfältigen Werkes?

Die Kluft-Rede handelt von der allerfrühesten Vorzeit, als die Menschen gerade das Sprechen gelernt hatten. Und damals, so Doris Lessings Fantasy-Vorwand für dieses Buch, gab es nur Frauen. Sie brachten nur Mädchen auf die Welt, lebten mteinander glücklich und zufrieden bis an ihr Ende. Bis eines Tages Babys zur Welt kamen, denen etwas Unbekanntes und nicht zu Erklärendes zwischen den Beinen baumelte. Die wurden als Ungeheuer, Missgebildete, Krüppel ausgesetzt. Adler trugen sie fort, aber statt all die armen Minimänner an ihre Küken zu verfüttern, ließen sie ihre Beute leben. Und ein Stück von der Insel der seligen Frauen entfernt wuchs die Kolonie der wilden Jungens.

Natürlich kommt es irgendwann zum Kontakt und - wie in der echten Weltgeschichte - überwältigen eines Tages die Kerle die netten Frauen, erfinden neue Wörter, die Sklaverei und die Zivilisation.

Ironie mit tieferer Bedeutung? Oder nichts als Klischees? Doris Lessing besteht auf ersterem. Logo. Ich gebe zu: Nach den ersten 50 von insgesamt 239 Seiten habe ich "Die Kluft" nur noch überflogen, weil ich die hier niedergeschriebenen Ideen und Phantasien kenne. Wie jede Frau, die sich jemals mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen beschäftigt und nach dem Warum gefragt hat.

Die ersten Gedanken über den Ursprung der menschlichen Geschichte in einem Matriarchat erschienen schon im 19. Jahrhundert - und wurden von den meisten Wissenschaftlern verlacht. Sie gaben zwar zu, dass die ältesten Steinfiguren auf der ganzen Welt Frauen darstellten, Muttergöttinen vielleicht, mit schweren Brüsten und breiten Hüften. Fettklopse, keine Magermodels. Männliche Götter gab es erst viel später. Aber dass einst die Frauen geherrscht haben können? Vor 150 Jahren undenkbar.

Heute wird die Theorie des frühen Matriarchats als glaubwürdig akzeptiert. Schließlich sind Sagen und Legenden über ursprünglich geschlechtslose Menschen, die dann weiblich wurden, Kinder zur Welt brachten, und von diesem Moment an von den Männern beherrscht wurden, in verschiedenen Kulturen entdeckt worden, zum Beispiel auf uralten Rollsiegeln aus Babylon. Aber ob in der menschlichen Frühgeschichte wirklich eine Zeit lang die Frauen herrschten? Nicht beweisbar. Als die Schrift entwickelt worden war, saßen ja schon die Männer auf den Königsthronen, und die berichteten über sich selbst. So blieb es bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das hat die feministische Forschung längst bewiesen und versucht nun, durch neue Untersuchungen des weiblichen Handwerks, durch genaueres Quellenstudium von Tagebüchern, Liebesbriefen, Geschäftsbüchern und Steuerakten plus neuen Interpretationen der von Männer geschriebenen Chroniken auch die Frauen zu Wort kommen zu lassen.

Wer die allerersten Clans beherrscht hat - gewalttätige Jäger, die ab und an einen Sonntagsbraten anschleppten, oder friedfertige Frauen, die die Nahrung für die Wochentage sammelten, alle Heilkräuter kannten, für den Nachwuchs sorgten und als Schamaninnen den Kontakt zum Jenseits hielten - das weiß man bis heute nicht. Ob Adam die Sprache erfand, um mit den Jagdkumpeln zu kommunizieren, oder ob es Eva war, die sie für die Kinder entwickelte, für den Clan-Tratsch und für die Weitergabe der besten Beerensammelstellen ist unbekannt. So wie der Ursprung der Intelligenz unter Speerwerfern und Bogenschnitzern oder unter Weberinnen, Töpferinnen, Sandalenmacherinnen. Wie die Erfindung von Landwirtschaft und Viehzucht von besonders kreativen Männern oder durch besonders aufmerksame Frauen, die mehr Essen für ihre Kinder und sich brauchten.

Dieses Unwissen lässt reichlich Raum für die Phantasie einer erfahrenen Autorin, aber Doris Lessing hat ihn nicht genutzt. Sie verpackte stattdessen alle gängigen Vorstellungen über Venus und Mars, weibliches Gefühl und männlichen Verstand, Lust auf Zärtlichkeit und Gier nach Sex, das (vielleicht) auf Harmonie ausgerichtete weibliche Wir und das (angeblich) egoistische männliche Ich in die Erzählung eines alternden römischen Senators, der die Geschichte der Menschheit aufzuschreiben versucht. Obwohl er ja weiß, dass die Wahrheit aus seinem Blickwinkel ganz anders aussieht als aus der Sicht der männerlosen Frauen.

Die ersten Besprechungen dieses Romans, der jetzt, Anfang Oktober 2007, gerade erst auf Deutsch erschienen ist, ergehen sich in Lobeshymnen auf Doris Lessings Lebensleistung, aber die deutschen wie die englischen Preissänger umgehen die Frage nach der Qualität der "Kluft". Meiner Ansicht nach mit Recht, weil sie es nicht offen auszusprechen wagen:

 

Das Buch wird Alt-Feministinnen sicher begeistern  und jungen Frauen, die nichts über die Frühgeschichte wissen, gute Argumente gegen lässige Männer liefern. Vom wie immer bei Lessing guten Stil abgesehen ,halte ich es für einen literarischen Krüppel: keine wirklich neuen Gedanken, keine Aha-Momente, kein Witz, und wenn das Ganze tatsächlich ironisch gemeint sein sollte, fehlen dieser Ironie die glänzende, glitzernde Überraschungsideen, die wirklich gute Autoren sogar (oder gerade) Klischees abgewinnen können. Aber lesen Sie selbst ...

 

 

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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Fotonachweise:

 
1. Buchcover, Verlag Hoffmann und Campe

2. Die "Venus von Willendorf", Österreichs bekanntestes Fundstück aus der jüngeren Altsteinzeit. Die Statuette, vermutlich ca. 25.000 v. Chr. als Fruchtbarkeitssymbol entstanden, ist heute im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen. Foto: Matthias Kabel (via wikipedia)

3. Doris Lessing bei einer Lesung auf der Lit.Cologne 2006 in Köln, von Elke Wetzig (via wikipedia)